Frieslands Horizont zieht sich so gerade und flach über das Land, als hätte ein Riese mit einem Lineal einen Strich gezogen. Eine scharfe Kante, die das blasse Blau des Winterhimmels vom Grünbraun der Felder trennt. Die einzigen Erhöhungen sind riesige Bauernhäuser, mit Reet bedeckt, die dastehen wie Pyramiden in einer Graswüste. Und über allem pfeift unablässig der Wind. Es ist eine Landschaft für Menschen mit wenigen Worten und großen Sehnsüchten. Die ohne Murren Regen und Dunkelheit erdulden und ihre Träume jahrzehntelang mit sich tragen.

Träume wie den, um den es hier gehen soll. Er wird lebendiger mit jedem Tag Frost. Es ist der Traum, dass die Flüsse und Kanäle und Wassergräben zufrieren, die hier im nordniederländischen Friesland alles miteinander verbinden wie ein frühmodernes Internet – Felder mit Dörfern, Dörfer mit anderen Dörfern, Städte mit Städten. Der Traum, dass man dann auf Schlittschuhen durch dieses flache Land gleiten kann wie ein Maserati über die Autobahn; leicht, fast schwerelos, besser wäre nur Fliegen. Es ist der Traum von der "Elfstedentocht": einem Schlittschuhwettkampf auf einem 200 Kilometer langen Rundkurs ab Leeuwarden, durch elf friesische Städte, mit mehr als 30.000 Teilnehmern und einer Million Zuschauern.

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Die Elfstedentocht wäre das größte Schlittschuhrennen der Welt – wenn die Tour denn mal wieder stattfände. Bei ihrem letzten großen Auftritt, das weiß ich noch, saß ich bei meiner Großmutter vor dem Fernseher. Ich war neun Jahre alt. Der Tag: 4. Januar 1997. Es war einer dieser Oma-Besuche, bei denen ich mich furchtbar langweilte, und irgendwann parkte man mich vor dem Uralt-Fernseher mit Eichenverkleidung, der ganze drei Sender hatte. Auf einem raste eine Gruppe Männer in bunten Kostümen auf Schlittschuhen wie wahnsinnig durch eine Winterlandschaft. Dahinter fuhr ein dreirädriges Motorrad des holländischen Fernsehens. Und blieb einer der Männer an einer Spalte im Eis hängen, haute es ihn mächtig hin.

Ich hatte gerade erst Schlittschuhlaufen gelernt und konnte mir unmöglich vorstellen, wie man mit solch einem Tempo in diesen Dingern unterwegs sein kann. Am Rand der Strecke standen damals Abertausende Menschen in Neunziger-Jahre-Winterjacken in Grün und Lila und Rot. Die fünf einzigen Läufer, die es nicht hingehauen hatte, legten am Ziel in Leeuwarden einen großen Sprint hin. Der Sieger, ein Mann namens Henk Angenent, wurde als "Held der Helden" bezeichnet und von den jubelnden Massen beinahe erdrückt. Und irgendwie war selbst mir als Neunjährigem klar, dass da gerade etwas Außergewöhnliches passiert war.

Seitdem sind 20 Jahre vergangen. 20 Jahre, in denen das Rennen nicht stattfinden konnte, weil das Wetter zu warm war oder das Eis zu dünn. 20 Jahre, in denen sich die Niederländer trotzdem immer aufs Neue sagten, der nächste Winter werde bestimmt wieder kalt genug. Es gibt sogar ein eigenes Wort für das irrationale Hoffen, dem sich viele im Land ab Dezember hingeben: Elfsteden-koorts – Elf-Städte-Fieber. Und ich frage mich: Wie hält man etwas am Leben, das jahrzehntelang nicht passiert? Wie lange kann so eine Pause dauern, bis auch der Letzte frustriert aufgibt? Wer trainiert für so ein Rennen?

Als ich mich im Februar auf den Weg nach Friesland mache, waren es in der Nacht noch minus zehn Grad, jetzt sind es minus zwei. Es ist ein Morgen, so kalt, dass er euphorisch stimmt. Muss nur noch zwölf, dreizehn Tage so weitergehen, denke ich.

Als Erstes möchte ich mir erklären lassen, wieso das mit dem Wetter überhaupt so kompliziert geworden ist. Früher hat die Tour nämlich sehr viel häufiger stattgefunden. 1909, vor 108 Jahren, gab es das erste Elf-Städte-Rennen. 22 Teilnehmer starteten, davon kamen neun ins Ziel. Seither wurde es 15-mal ausgetragen – aber nur dreimal in den vergangenen 50 Jahren. Der beste Mann für die Wetterfrage ist Geert Jan van Oldenborgh, Klimaforscher am Königlich-Niederländischen Institut für Meteorologie in De Bilt. Seine Erklärung fängt, natürlich, mit dem Klimawandel an, er erzählt von der wärmer gewordenen Arktis und dem Wetter in Grönland und Sibirien und endet mit Tiefdrucksystemen über dem Atlantik und dem Golfstrom. Das Wesentliche an seinen komplizierten Ausführungen ist, dass es das ideale Wetter für die Elfstedentocht kaum noch gibt: zwei Wochen lang kalten, trockenen Wind aus Sibirien, möglichst ohne Schnee, sodass das Eis an allen Stellen der Strecke mindestens 15 Zentimeter dick ist. "Stattdessen bläst der Wind im Winter jetzt häufiger als früher von Westen, vom Meer, mit wärmerer Luft."

Das sei aber kein Grund, komplett zu verzweifeln, sagt van Oldenborgh: "Die Chance für das richtige Wetter liegt derzeit jedes Jahr irgendwo zwischen fünf und zehn Prozent. Wir müssen nur etwas mehr Geduld haben als früher."