Sie mögen sich durch die "Zeitungsschrecknisse und Übertreibungen" nicht "unnöthig in Unruhe" versetzen lassen, schreibt Felix Mendelssohn Bartholdy seinen Eltern am 9. April 1832 aus Paris. Allein an diesem Tag sterben in der Stadt mehr als 800 Menschen an der Cholera. Zwei Wochen zuvor ist sie ausgebrochen, unablässig rasseln Leichenwagen über das Pflaster. "Die Leute sind aber wirklich ganz außer sich hier", schreibt der 23-Jährige nach Berlin. Dann erzählt er, an welchen Stücken er gerade arbeitet, und entschuldigt sich am Ende: "Verzeiht den dummen Brief."

Wenn Mendelssohn schreibt, was er "dumme Briefe" nennt, hat er etwas zu verbergen. Erst später enthüllt er den Seinen, dass die Erkrankung auch ihn befallen hatte, obwohl er "viel Flanell" trug – das galt als vorbeugendes Mittel. Er hätte einer der 1. 000 sein können, die in Paris der bakteriellen Infektion erlagen. Mit Glück und guter Pflege kam er davon, und der Brief vom 9. April blieb nicht sein letzter.

5855 Briefe aus seiner Feder sind nun bekannt. Und was 150 Jahre lang nur in Auswahlsammlungen publiziert und oft geschönt wurde, was in zig Bibliotheken, Archiven und in Privatbesitz schlummerte, liegt jetzt vollständig erschlossen vor, neun Jahre nach dem ersten von zwölf Bänden, zusammengetragen von einem vielköpfigen Team um die Herausgeber Helmut Loos und Wilhelm Seidel. Nebst Einleitungen und Kommentaren umfasst die Edition knapp 10.000 Seiten. Mit ihr lässt sich viel weiter hinter die Zeilen blicken, als dies bislang möglich war.

Erstaunlich, dass man darauf so lange warten musste. Mendelssohn war als Komponist, Dirigent und Pianist ein Popstar seiner Zeit. Bis heute zählt er zu den Großen. Und mehr und mehr entdeckt man ihn als einzigen Komponisten seiner Generation, der dem Aufbruch ins Subjektive und Suggestive misstraute und der Musik als kollektives Projekt begriff – wofür seine Wiederaufführung von Bachs Matthäuspassion ebenso steht wie die Gründung des Leipziger Konservatoriums. Dennoch begann man mit der Gesamtausgabe seiner Briefe erst 40 Jahre nachdem die Korrespondenz seines Zeitgenossen Richard Wagner in Angriff genommen wurde.

Mendelssohn war ein Briefschreiber von literarischem Rang, ein wacher Zeitgenosse der Jahrzehnte vor dem Umbruch von 1848, und er war und ist eine Symbolfigur der "Emanzipation", des gesellschaftlichen Aufstiegs jüdischer Familien, der mit seinem Großvater Moses Mendelssohn begonnen hatte, dem berühmten Aufklärer.

Mendelssohn hat ein feines Ohr für das "Rumoren unter der Oberfläche"

Der 1809 in Hamburg geborene Felix ist ein Glückskind. Höchste Begabung trifft sich mit bester Förderung, schon der Zwölfährige wird auf den Olymp von Weimar geladen. "Alle Nachmittag", schreibt er, "macht Goethe das Streichersche Instrument [ein Hammerklavier] mit den Worten auf: ich habe dich heute noch gar nicht gehört, mache mir ein wenig Lärm vor; und dann pflegt er sich neben mich zu setzen." Unbefangen genießt der Wunderknabe, was seinen Eltern wie ein Triumph über alle Vorbehalte erscheinen muss, denen auch eine wohlhabende jüdische Familie im Deutschland von 1821 ausgesetzt ist. Seine Eltern haben ihn und seine drei Geschwister taufen lassen; die Zentralgestalt ihrer kulturellen Integration ist Johann Sebastian Bach, dessen Matthäuspassion der 20-jährige Mendelssohn in Berlin, wo die Familie lebt, spektakulär ans Licht bringt.

Gegen die Vorbehalte seines Kompositionslehrers Carl Friedrich Zelter, der die Sing-Akademie leitet, setzt Mendelsohn die Aufführung dieser vergessenen Musik durch und dirigiert selbst den Chor, in dem auch seine Schwester Fanny, genannt "Fenchel", singt – seine innigst Vertraute seit gemeinsamen Klavierkindertagen, wohl nicht weniger begabt als er. Über alles halten die beiden einander auf dem Laufenden, und sie verrät ihm auch, was passiert, wenn sich in der Matthäuspassion ausnahmsweise der alte Zelter selbst ans Klavier setzt: "Mißstimmung u. Angst verbreitete sich im ganzen Chor, u. Dein Name wurde vielfach genannt."

Als Felix Mendelssohn sich 1833 um die Leitung der Sing-Akademie bewirbt, bevorzugt man indes eine mediokre Lokalgröße und bietet dem Abgelehnten den Vizeposten an. Er antwortet "nur mit höflichen Ausdrücken, daß sie sich hängen lassen könnten", schreibt er dazu einem Freund und verweist auf einen "fast rührenden Brief von Mozart [...], worin der sich beim Wiener Magistrat um eine unbesoldete Stelle bewirbt und anführt, seine musikalischen Talente seien im Auslande bekannt". Kein Wort zum Antisemitismus, der nicht nur an der Sing-Akademie eine Rolle spielt, lieber gleich Mozart als Parallelfall. Von dieser Höhe aus will er sein Terrain sichern.