Wenn ich mit meinem Bäcker flirte, schenkt er mir Quarkbällchen. Wenn ich nicht mit ihm flirte, schenkt er mir keine. Darf ich die Quarkbällchen annehmen? Bis vor Kurzem hätte ich mir keine Gedanken gemacht über die sexuellen Implikationen von frittiertem Gebäck. Jetzt frage ich mich: Etabliert mein Bäcker ein Herrschaftsverhältnis, wenn er mir als Belohnung für eine Schäkerei Backwerk überreicht? Bin ich Erfüllungsgehilfin seiner chauvinistischen Methoden? "Hallo Schatz, toll siehst du heute aus", sagt er zu mir, wenn er besonders gut aufgelegt ist. "Hallo Hase, schönes T-Shirt hast du heute an", antworte ich dann. Dazu muss man wissen: Er trägt jeden Tag das gleiche T-Shirt, ein rotes. 

Meinem Empfinden nach sind solche Unterhaltungen harmlos. Aber es gibt Kolleginnen, die sich nicht mehr trauen, bei diesem Mann einen Espresso zu kaufen. Sind sie verrückt, oder bin ich es? Hase macht mir Komplimente für meine Frisur, meinen Mantel oder sogar mein Lächeln. Ich gehe gern zu ihm. Und ich will die Bällchen. Ich halte einen kleinen Flirt für das Schmiermittel in der täglichen Kommunikation zwischen den Geschlechtern. Und einen großen Flirt halte ich für das krönende Feuerwerk menschlicher Kommunikation. Irgendwie dachte ich immer, dass alle das so sehen. Ich habe mich geirrt.

Die Ehre des Flirts ist angekratzt, der Flirt hat Schaden genommen, steht unter Verdacht. Der Flirt zwingt in ein sexuell aufgeladenes Gespräch, das, wenn man nicht aufpasst, in einem Übergriff enden kann. Schwere moralische Artillerie ist auf den Flirt gerichtet. In ihrem Sperrfeuer vergisst man gern: Sexualität ist der Inbegriff des Übergriffigen, sie ist darauf angelegt, dass jemand sich irgendwann übergriffig verhält. Diesen Übergriff erwarten wir Frauen ganz traditionell immer noch von den Männern, die sich, dieser Last bewusst, dann nicht immer vollendet elegant verhalten – es vielleicht auch gar nicht können: aus Mangel an Übung, Geschmack oder einem mündigen Gegenüber, das ihnen Paroli bietet.

Das direkte Sprechen über erotische Absichten ist zwischen halbwegs fremden Personen nach wie vor tabu, deshalb der anspielungsreiche Tanz des Flirts. Er ermöglicht es zweien, die noch nicht so weit gegangen sind, sich in sicherer Halbdistanz über ihre Absichten auszutauschen. Dabei besteht übrigens nicht nur die Gefahr des zu direkten Kommunizierens, es ist im Gegenteil auch möglich, sich zu indirekt zu äußern. Dann schlägt die Stunde des ausgedehnten Telefongesprächs unter Freundinnen mit der verzweifelten Leitfrage: "Wie hat er das wirklich gemeint?" Es scheint so, als wären wir Menschen verdammt dazu, mit unseren großen Gehirnen auf der Grenze zwischen Nichtzuviel und Nichtzuwenig immerzu tapsend herumzubalancieren. Und wie schön, wenn es dann mal klappt! Wenn sich hinterher herausstellt (meist nach einem Übergriff): Alle haben alles in etwa so verstanden, wie der andere es mal gemeint hatte!

Die Alternative zum Flirt, Tinder sei es geklagt, wäre doch ein arg prosaisches: "Willst du? Ja, nein?" Von diesem frühkindlichen Frage-Antwort-Schema entwickelt sich die menschliche Flirtfähigkeit im Lauf des Lebens ja eher weg. Damit sie das aber kann, muss man beim Flirten Fehler machen dürfen. Auch die anderen müssen Fehler machen dürfen.

Jahrhundertelang war eine freie Wahl des Sexualpartners weiten Teilen der Gesellschaft nicht möglich. Heute ist die Freiheit da. Wir können flirten, mit wem wir wollen. Stand und Konvention versperren den Weg nicht mehr. Die Tabus sind allerorten geschwunden beziehungsweise unter großen Mühen geschleift worden. Doch die Freiheit führt manchmal zu verzagter Unsicherheit, in diesem Fall gar zu Missvergnügen und -mut, zu Skepsis: Ist Flirten gar ein Herrschaftsinstrument? Die Grenze zwischen Sexismus und Annäherungsversuch ist heute debattenmäßig aufgehoben. Das hat mein Bäcker, das haben die Quarkbällchen, das hat der Flirt nicht verdient!

Eine so wunderbar ausdifferenzierte menschliche Verhaltensweise, Kulturtechnik gar, müsste wieder zu Ehren gelangen und gepäppelt werden. Diese Ehrenrettung wird unmoralische Anteile haben. Denn Flirten ist die Quadratur des Kreises, unmoralisch höflich muss es zugehen. Und jeder Adressat, jede Adressatin verlangt möglicherweise eine andere Mischung dieser beiden Komponenten. So betrachtet ist der Flirt eine hochindividuelle Anpassungsleistung, die für jedes neue Gegenüber maßgeschneidert werden muss.

"Oma, findest du es nicht unangemessen, dass der Prinz dir in deinem Alter noch ein so unmoralisches Angebot macht?", fragt das Enkelkind in der englischen Serie Downton Abbey sinngemäß seine sonst sehr förmliche Großmutter, die verwitwete Gräfin, dargestellt von Maggie Smith. Die Gräfin, vom greisen Prinzen amourös verfolgt, antwortet: "Kind, wenn ich keine unmoralischen Angebote mehr erhalten würde, dann würde ich anfangen, mir Sorgen zu machen." So kann man das auch sehen. Die Großmutter beweist Souveränität im Umgang mit erotischen Dingen, indem sie das Unmoralische umwertet: es als Kompliment empfindet anstatt als Beleidigung.