Thomas Stuwe, im normalen Leben als Vermögensberater tätig, hat dieses Gespräch vorgeschlagen. Der Vorsitzende der Hamburger Freimaurer empfängt im Logenhaus in der Welckerstraße 8, gegenüber der Staatsoper. Bevor das Interview beginnt, führt er durch die Galerie früherer Groß- und Distriktmeister und einen schummrig erleuchteten Raum, in dem die geheimen Aufnahmerituale vorbereitet werden. Das Gespräch findet im sogenannten Tempel statt.

DIE ZEIT: Herr Stuwe, dürfen wir dieses Interview überhaupt führen?

Thomas Stuwe: Das dürfen wir. (lacht) Vorausgesetzt, jeder Freimaurer spricht nur für sich. Auch ich als Distriktmeister, wie wir die Vorsitzenden nennen, habe keine weiteren Kompetenzen.

ZEIT: Freimaurer gelten doch als Geheimbund, berühmt-berüchtigt für ihre Verschwiegenheit.

Stuwe: Es gibt natürlich auch Logenbrüder, die so was gar nicht gut finden.

ZEIT: Sie haben sich bei uns gemeldet. Warum diese Öffentlichkeitsoffensive?

Stuwe: In diesem Jahr feiern wir 300 Jahre Maurerei. 1717 wurde die erste Großloge in London gegründet, die erste deutsche entstand 1737 in Hamburg: "Absalom zu den drei Nesseln". Wegen dieser Jubiläen haben wir uns entschieden, mehr öffentlich aufzutreten.

ZEIT: Es heißt, die Freimaurer hätten sich fast totgeschwiegen. Wollen Sie mit diesem Gespräch neue Mitglieder werben?

Stuwe: Bei uns gilt, dass potenzielle Mitglieder sich von sich aus für uns interessieren sollten. Meine Meinung aber ist, dass wir den Finger heben und sagen sollten: Uns gibt es noch. Wir stehen jetzt auch im Internet und nicht nur im Branchenbuch. Aber eine aktive Ansprache "Werden Sie Mitglied" wollen wir nicht. Die Öffentlichkeitsarbeit dient auch dem Abbau von Vorurteilen.

ZEIT: Zum Beispiel: Geheimbund mit Weltherrschaftsstreben?

Stuwe: So ähnlich. Jüngere kennen uns durch die Romane von Dan Brown, der hat noch die Illuminaten reingemischt. Ältere kennen noch die Ludendorffsche Verschwörungstheorie, Freimaurer wären eine geheime Macht im Hintergrund. Die Nazis haben damals sogar das alte Logenhaus in Hamburg abgetragen und Stein für Stein in der Mitte teilen lassen, um zu sehen, ob sich dort ein Geheimnis verbirgt.

ZEIT: Gab es eins?

Stuwe: Natürlich nicht. Literatur über unsere Rituale kann man sich inzwischen in der Staatsbibliothek besorgen. Man kann die Tempel besichtigen. Aber es ist wie eine Partitur: Wenn Sie es nicht erlebt haben, können Sie es sich nicht vorstellen. Wir haben uns auferlegt, nicht über das Ritual oder unsere Erkennungszeichen zu sprechen. Da ist für mich die Grenze. Das macht es vielleicht so geheimnisvoll.

ZEIT: Warum halten Sie das Ritual noch geheim?

Stuwe: Das hier soll ein geschützter brüderlicher Raum sein, der zur Verschwiegenheit anhält. In einer geschwätzigen Welt wollen wir anders sein.

ZEIT: Wie viele Freimaurer gibt es?

Stuwe: Wir sind 11.000 in Deutschland. Zum Distrikt Hamburg, einschließlich Stade, gehören 20 Logen mit rund 770 Mitgliedern. In meiner Loge sind wir etwa 50. Genug, um das Zwischenmenschliche pflegen und die Logenarbeit leisten zu können. Wir sind ja keine Berufsfreimaurer, wir machen das neben unseren Jobs.

ZEIT: Erhalten Sie als Vorsitzender Geld?

Stuwe: Keiner von uns.

ZEIT: Wie viel Zeit kostet Sie die Freimaurerei?

Stuwe: Als Distriktmeister beschäftige ich mich fast jeden Tag damit. Für uns zählen zuerst Beruf und Familie, dann die Loge. Wir wünschen uns, dass die Mitglieder einmal in der Woche Zeit haben. Wenn sie absagen, sollten sie sich entschuldigen und zumindest der Armen gedenken, also eine Spende vornehmen.