Es gibt Wissenschaftsmanager, die im täglichen Klein-Klein ihrer Hochschule den Orientierungssinn verlieren und das Gespür dafür, was wichtig ist. Der strategische Weitblick, ihre Kreativität und ihre Fähigkeit, andere zu begeistern, schwinden mit der Zeit. Müde und ideenlos verkörpern sie nur noch eine leere Hülle jener Leitungsfunktionen, die man ihnen übertragen hat. Ein Albtraum für die Hochschulen, der in Deutschland gar nicht so selten ist. Die Verwandlung geschieht nicht wie bei Kafka von heute auf morgen. Sie vollzieht sich schleichend über Jahre hinweg.

Ein Gregor Samsa sein. Ein Horrorszenario für Hans-Hennig von Grünberg, 52 Jahre alt und Präsident der Hochschule Niederrhein. "Es gibt Hochschulleitungen, die haben sich vor zehn Jahren ihre Meinung gebildet. Danach bewegt sich nichts mehr", sagt er. Auf ihn trifft das bestimmt nicht zu.

Hans-Hennig von Grünberg ist Hochschulmanager des Jahres 2017. Mit dem Preis würdigen das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und die ZEIT seit einigen Jahren Führungskräfte, die in ihren Hochschulen für eine besondere Dynamik sorgen. Wenn der Titel an diesem Donnerstag in Berlin an von Grünberg geht, dann heißt das für ihn vor allem dies: Du hast deine Arbeit gut gemacht, du bist wach geblieben, hast dich nicht verzettelt und verloren.

Seit 2010 ist Hans-Hennig von Grünberg Präsident der Hochschule Niederrhein. Knapp 15.000 Studierende in mehr als 70 Studiengängen, 640 Beschäftigte und rund 250 Professoren. Sie gehört damit zu den größten Fachhochschulen Deutschlands. Grünberg hat seitdem 130 Professoren berufen, viele Millionen von Drittmitteln sind in seiner Amtszeit geholt worden, Gebäude wurden errichtet, andere saniert. Dahinter stecken unzählige Gespräche, Streit und Kompromisse und jede Menge Bürokratie.

Wie genau sich Grünberg bei alldem den ihm eigenen fast jungenhaften Schwung bewahren konnte, bleibt sein Geheimnis. Klar ist: Dieser Hochschulpräsident bringt es auch im seriösen Anzug fertig, bei einem Geistesblitz plötzlich wie Wickie mit dem Finger zu schnipsen. Seine Ideen beschränken sich nicht immer nur auf die Region am Niederrhein.

Der Weg nach Krefeld führte über Berlin und Oxford

Grünberg denkt viel über den Typus der Fachhochschule und ihr Fortkommen insgesamt nach. Ginge es allein nach ihm, sähe die Hochschullandschaft längst anders aus. Universitäten konzentrierten sich dann wirklich auf Forschung; und in der Lehre auf die, die tatsächlich in der Wissenschaft bleiben wollen. Die Fachhochschulen dagegen kümmerten sich um alle, die praktische Berufe außerhalb der Wissenschaft anstreben. Um diese Idee bundesweit mit Gleichgesinnten voranzubringen, hat Grünberg 2015 die Hochschul-Allianz für den Mittelstand gegründet. "Ich bringe sehr gern Leute und Ideen zusammen", sagt Grünberg und beschreibt damit sein Erfolgsrezept.

Befragt man Frank Ziegele, den Geschäftsführer des CHE, zur Entscheidungsfindung, sagt er: "Dass die Hochschule Niederrhein in ihrer Region sehr viel stemmt und ein selbstbewusstes Profil entwickelt, war schnell klar." Ob in Forschung, Lehre oder Transfer, die Hochschule sei bei allen relevanten messbaren Auswahlindikatoren ganz vorn dabei gewesen. In den nächsten Schritten galt es herauszufinden, in welchem Umfang der Präsident zu der "außerordentlich dynamischen Entwicklung" beigetragen hat, erzählt Ziegele.

Die Befragungen und qualitativen Untersuchungen ergaben: Der Aufstieg der Hochschule Niederrhein hat viel mit der Person von Grünberg zu tun. "Er leitet seine Hochschule mit unerschütterlicher Zuversicht", sagt Ziegele, "und steht auch bundesweit für ein selbstbewusstes und eigenständiges Profil einer Fachhochschule; FHs sind für ihn keine kleinen Universitäten." Kollegen beschreiben ihn als begeisternd. Den Wissens- und Technologietransfer in die regionale Wirtschaft treibt er beständig voran.