"Was Sie hier sehen", sagt der AfD-Mann und legt sich zwinkernd die Hand auf die Brust, "ist eine optische Täuschung." Mit diesem Satz hat Harald Weyel gern Wahlkampfreden begonnen und auch gleich die ersten irritierten Lacher bei seinem Publikum erzielt. Denn Harald Weyel ist dunkelhäutig. Der einzige farbige Bundespolitiker der AfD mit ihren etwa 28.000 Mitgliedern, einer Partei, die Vielfalt und Political Correctness auf dem Müllhaufen der Geschichte sehen will. Aber dass er schwarz sei, oder gar afrodeutsch – das würde der 58-jährige Wirtschaftsprofessor niemals über sich sagen. Stattdessen nennt Harald Weyel sich einen "preußisch-hessischen Nationalkosmopoliten". Hochdeutsch, fügt er dann – für den nächsten Lacher – hinzu, "war meine erste Fremdsprache". Eine Frauenquote könne er nicht erfüllen, eine Migrantenquote auch nicht, aber wenn die AfD eine Professorenquote hätte – "da könnte ich dann schon eher mit dienen".

Zum Gespräch ist Harald Weyel in den "Lampenladen", die Kantine des Bundestags, gekommen, deren bunte Lichter freundlich auf die Spree hinausleuchten. Sein nordrhein-westfälischer Landesverband hatte ihm den sicheren Listenplatz drei gegeben, und so ist Weyel, der Betriebswirtschaftsprofessor aus Köln, jetzt stolzer MdB, einer von 92 AfD-Abgeordneten des Bundestags.

Wenn das Gespräch auf seine Biografie kommt, speziell auf seine Kindheit, fühlt es sich schnell an, als tastete man über frisch vernarbtes Gewebe. Weyel spricht mit zwinkerndem, leicht verklärtem Blick, als käme er staunend aus dem Kaiserreich in unsere selbstvergessene Gegenwart, in das "Provisorium Bundesrepublik", wie er sie nennt. "Ich habe Sütterlin gelernt aus einem Geschichtsbuch meiner Großeltern", erzählt er. Noch etwas habe ihn an dem Buch verzaubert: "Da war der Trommler der Mohr." Wieder ein Lacher, wieder auf seine eigenen Kosten. "Meine Großeltern waren ein Fels in der Brandung – von großer Stetigkeit und Anstand." Er schluckt.

Die Brandung – das war das Leben als vaterloses Kind. Harald Weyel ist Sohn eines schwarzen amerikanischen GIs und einer Krankenhausköchin aus dem Westerwald. Die beiden – der GI und das Mädchen vom Land – hatten sich auf einem Dorffest kennengelernt. Der Großvater sei von der Liaison vermutlich kaum begeistert gewesen. Ein Jahr nach Weyels Geburt verließ der Vater Frau und Kind. Das war im Jahr 1960. Weyels Vater ging zurück nach Raleigh in North Carolina. "Für den Vietnamkrieg war er dann zu alt. Sein älterer Bruder hatte es aber immerhin nach Korea geschafft", erzählt Weyel, als hätte er in erster Linie das militärische Potenzial des Vaters zu beurteilen.

Man fragt einen fremden Menschen mitten im "Lampenladen" des Bundestags natürlich nicht so rundheraus, warum der Vater das getan hat, die Familie in Deutschland zurückzulassen. Schon gar nicht, wenn zu spüren ist, dass es bis heute zehrt und schmerzt. Weyel war zum Schüleraustausch in den USA und hat den Vater auch besucht. Seine Erinnerung: Es gab sehr guten Kaffee auf dem Farmer’s Market mitten in Raleigh, der umgeben war von Hochhäusern. In deren riesigem Schatten habe er sich ein wenig verloren gefühlt. 2006 starb der Vater.

"Ich bin ein Kind der Luftwaffe", sagt Weyel. Und vernebelt auf diese Weise die Tatsache, dass der amerikanische Vater und der deutsche Großvater auf verschiedenen Seiten kämpften. Seinen Großvater, den Schreinermeister Karl Weyel, beschreibt der AfD-Mann als Abenteurer, der sich sofort 1939 zur Luftwaffe meldete und dann hat "alles mitmachen dürfen, von Polen über Frankreich bis nach Russland". Das Militärische, so sagt Weyel, "wurde bei uns zu Hause aber nicht überhöht. Menschen in Uniform waren das Normale – ein Scheißjob, den auch jemand machen muss." Weyel wäre gern zur Bundeswehr gegangen, aber ein Motorradunfall machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Das hindert ihn nicht daran, oft und gern die militärische Aufmuskelung der Truppe zu fordern. "Und wenn das dann mal nur im Alleingang geht – ja scheiße, dann eben im Alleingang!"

"Wollt ihr die totale Migration?", fragte Weyel im Wahlkampf

Weyels Erzählung, ob im Wahlkampf oder jetzt im "Lampenladen", mäandert von den Selbstzeugnissen schnell zu seinem Lieblingsthema, der "Übervorteilung Deutschlands" durch den Rest der Welt, wie er es sarkastisch nennt. "Die Franzosen treten in Europa als Herrscher auf." Das Land, sein Deutschland, leide an einem "Stockholm-Syndrom", verkläre jene, die es unterdrückten, und lebe in einer "Normalität, die keine ist". Es gehe darum, "die deutschen Dinge endlich wieder so zu regeln, dass die Normalität, wie sie im Kaiserreich noch geherrscht hat", wiederhergestellt werde – einem Kaiserreich übrigens, das seine "Kolonialsubjekte" in Afrika mit Respekt und Zuneigung behandelt habe. Im Deutschland von heute sieht Weyel, verglichen mit dem Kaiserreich, nichts als eine "Wirtschaftsform ohne Daseinszweck". Die politische Korrektheit habe es zu einer Gesinnungsdiktatur verkommen lassen: "DDR 2.0, mit Flatscreens." Er, Weyel, brauche keine Özoğus – keine Integrationsbeauftragte: "Ich weiß, wo ich stehe. Ich bin für hartes Migrationsmanagement." Manchmal hat er bei Wahlkampfreden gefragt: "Wollt ihr die totale Migration?"

Wenn an solchen Stellen der Applaus und begeistertes Johlen seiner AfD-Zuhörer aufbrandet, wird klar, warum sie einander brauchen, der schwarze Harald Weyel und die AfD. Sie bietet ihm, einem im Grunde wohl ziemlich heimatlosen Gesellen, eine feste Burg, von der man bis nach Amerika herüberschauen kann. Er hat ihr sogar seine Ehe geopfert, die nach 14 Jahren "aus politischen Gründen", wie er sagt, zu Ende ging. Weyel wiederum ist für die AfD und ihre subkutanen Botschaften von weißer Überlegenheit das perfekte Alibi. Wir, Rassisten? Aber woher denn?

Sein Parteichef Jörg Meuthen hatte einmal gesagt, er sehe auf den Straßen seiner Stadt "kaum noch Deutsche". Wie kann man das anders verstehen als "deutsch gleich weiß"? Weyels Humor, der nach Heinz Erhardt klingt, aber eine giftige Portion Selbsthass zu verströmen scheint, macht das befreite Lachen des AfD-Publikums über die "optische Täuschung" zu einem gänzlich reuefreien Genuss. In seinen eigenen Worten klingt das so: "Anders als hier und da in meinen zwanzig Jahren an der Wirtschaftsfachhochschule, wo es in der Regel verkappt und vielschichtig war, habe ich in der AfD weder gut- noch bösmenschlichen Undercover-Rassismus" erlebt.

Kurz bevor wir uns im "Lampenladen" verabschieden, fällt Harald Weyel noch eine Geschichte ein, die er unbedingt erzählen möchte. Er sei acht Jahre alt gewesen, als auf dem Hof der Großeltern im Westerwald eine französische Familie aufgetaucht sei. Mit dem gleichaltrigen Knaben habe Weyel mit Korkengewehren auf Spielzeugsoldaten geschossen. Erst später sei ihm der Sinn des Besuchs klar geworden. Der Vater des Jungen sei gekommen, um sich bei "Oberfeldwebel Weyel" für die gute Behandlung während des Kriegs zu bedanken. Er sei Zwangsarbeiter auf dem Hof der Weyels gewesen. Die Großeltern hätten ihn am Tisch der Familie essen lassen, wofür es gelegentlich Besuch von der Gestapo gegeben habe. "Kampf und Anstand" kann Weyel noch hervorpressen, bevor ihm die Stimme versagt.