DIE ZEIT: Mr. Hancock, bei Ihrem letzten Auftritt in Hamburg irritierten Sie das Publikum mit Improvisationen auf Ihren iPads. Sind Sie abenteuerlustiger als Ihre Zuhörer?

Herbie Hancock: Es kommt vor, dass ich für Leute spiele, die eine starre Erwartungshaltung und eine genaue Vorstellung von dem besitzen, was ich ihnen aufzuführen habe. Da kann es schon mal zu Missverständnissen kommen. Ich definiere Konzerte leider anders als manche Zuhörer. Für mich sind Konzerte Ereignisse, bei denen man etwas erlebt, womit man nicht gerechnet hat. Ich bin keine Jukebox, in die man eine Münze wirft, damit sie die gewünschte Musik spielt.

ZEIT: Jazz-Puristen haben Sie ja mit Ihren Ausflügen in die Popmusik immer wieder auf Trab gehalten. Macht Ihnen das Spaß?

Hancock: Darum geht es nicht, ich folge nur meiner Leidenschaft, immer etwas Neues auszuprobieren. Alles andere wäre verlogen. Wenn ich etwas wiederholen würde, das mein Publikum mehr interessiert als mich, wäre das für mich unbefriedigend. Musik sollte ehrlich sein, sonst funktioniert sie nicht. Ich war allerdings auch lange intolerant gegenüber Musik, die kein Jazz ist – bis ich bei Miles Davis zu Hause Platten von den Rolling Stones und Jimi Hendrix entdeckte. Ich war überrascht, aber dann sagte ich mir: Was Miles aufregend findet, muss interessant sein.

ZEIT: Das erste Stück, das ich von Ihnen wahrnahm, war der Breakbeat-Track Rockit. Von hier aus habe ich Ihre älteren Werke erkundet ...

Hancock: ... aber genauso sollte es doch sein! So hoffe ich immer wieder mein Publikum zu erweitern und zu verändern. Rockit hat mir damals Anfang der Achtziger viele neue Hörer gebracht. Mein Album Head Hunters hatte zu Beginn der Siebziger einen ähnlichen Effekt auf Pophörer. Wenn man Leute dazu bringt, sich für komplexeren Jazz zu interessieren, freut mich das sehr. Für mich war Jazz, so wie ihn manche Spezialisten definieren, immer zu eng. Musik sollte Erwartungen sprengen. Erst dann wird sie interessant, erst dann wird sie besser. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Anfragen für Konzerte ich immer noch habe, und ich bezweifle, dass es so viele wären, wenn ich immer nur denselben Kram runterleiern würde.

ZEIT: Ihre Musik wird von Kritikern als "zugänglich" beschrieben, was vermutlich darauf hinweisen soll, dass Jazz oft als komplex angesehen und gefürchtet wird. Finden Sie Ihre Platten "zugänglich"?

Hancock: Manche meiner Platten sind komplex, andere nicht. Hören Sie sich mal an, was ich 1970 auf meinem Album Mwandishi eingespielt habe. Ich würde es Avantgarde-Space-Jazz nennen, eine enorm komplexe Musik, die vielen Hörern nicht gefallen hat. Einige Underground-Menschen jubelten, aber deren Anzahl war überschaubar. Dass ich danach mit Head Hunters ein zugänglicheres Album einspielte – das hat nichts damit zu tun, dass ich es dem Publikum wieder recht machen wollte. Der Grund war: Ich wiederhole mich ungern. Und je mehr ich ausprobiere, desto mehr Möglichkeiten bieten sich mir. Ich bin jetzt weit über 70 und kann spielen, was immer ich mag. Das ist meine Definition von Freiheit und Glück.

ZEIT: Sie sind jetzt seit mehr als fünf Jahrzehnten im Jazz aktiv. Hat sich die Definition des Genres mit den Jahren verändert?

Hancock: Der Jazz hat sich schneller verändert, als es vielen meiner Kollegen recht ist. Manche entdecken früh eine Ecke, in der sie sich wohlfühlen und in der sie sich einrichten. Viele sind da nie wieder rausgekommen. Das ist traurig. Aber auch viele der abenteuerlustigeren Kollegen verlieren im Alter die Leidenschaft für Experimente. Doch ohne Experimente wachsen weder die Musiker noch der Jazz.

ZEIT: Sie kommen aus einer Arbeiterfamilie. War das Klavier, das bei Ihnen zu Hause stand, etwas Besonderes?

Hancock: Wir hatten das einzige Klavier in der ganzen Nachbarschaft! Musik spielte immer eine wichtige Rolle in unserer Familie. Ich lernte zuerst klassische Musik und entdeckte den Jazz, als ich 14 war. Dass ich dann mit 17 anfing, Musik zu studieren, fanden meine Eltern nicht besonders toll. Aber sie betonten auch, dass sie uns Kinder bei allen unseren Entscheidungen unterstützen würden. Sie waren für ihre Zeit unglaublich tolerant.

ZEIT: Miles Davis war so beeindruckt von Ihnen, dass er Sie Anfang der Sechziger in seine Band lotste. Was haben Sie bei ihm gelernt?

Hancock: Ich lernte bei ihm, frei zu denken und keine Grenzen und Hindernisse zu akzeptieren. Als er mich anrief, bekam ich einen Riesenschreck. Ich fürchtete, dieser Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis ich mich in seiner Band freigespielt hatte. Danach war es umwerfend.