Acht Jahre nachdem in einem italienischen Dorf eine Familie ins Unglück stürzte, tiefer und tiefer, je weiter die Zeit voranschritt, ist ein Mann auf dem Weg, ihr neue Hoffnung zu bringen. Niels Birbaumer, klein und weißhaarig, 72 Jahre alt, Professor für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie an der Universität Tübingen, 609 wissenschaftliche Publikationen, 27 veröffentlichte Bücher, 15 Auszeichnungen, drei Ehrendoktorwürden, steuert seinen Wagen eine Landstraße westlich von Venedig entlang. Alte Einfachheit zieht vorüber, bescheidene Häuser, flache Felder. Dann hält er vor einem gebrechlichen Anwesen.

Kaum ist er ausgestiegen, läuft ihm ein Herr Mitte siebzig entgegen, die Arme ausgebreitet, er strahlt: "Professore, wir sind so glücklich, dass Sie da sind."

Luigi Furin packt Birbaumer an den Schultern, vergräbt den schmächtigen Mann in seinen Armen und ruft: "Endlich!" Zögerlicher, ehrfürchtig fast, kommt hinter ihm seine Frau Caterina zum Vorschein, zierlich, dunkles Haar, sie lächelt Birbaumer zu. Zu dritt gehen sie über den Hof ins Haus. Die Eltern reden über ihren Jungen, über Fabio, ihren Fabietto. Seinetwegen ist Birbaumer gekommen. "Er ist bestimmt ganz aufgeregt", sagt Caterina Furin.

In einem Zimmer warten gedrängt ihre Tochter Carlotta, deren zweijähriger Sohn sowie drei Mitarbeiter Birbaumers, medizintechnische Ingenieure, die vor ihren Laptops sitzen. Seit zwei Tagen sind sie bereits bei der Familie. Sie haben Fabio vorbereitet auf diesen Moment. Birbaumer lächelt, sagt zu den Eltern: "I miei cretini", meine Dummköpfe, er deutet auf seine Männer, "haben euch hoffentlich keine Sorgen bereitet."

Die Ingenieure schmunzeln, sie kennen seine Art, Herzlichkeit zu zeigen. Birbaumer schaut sich kurz um, dann tritt er an das breite Bett in der Ecke des Raumes. Der Boden knarzt. An der Wand pendeln elf Kuckucksuhren, auf dem Nachttisch seufzt ein Beatmungsgerät im Takt Luft aus. "Hallo, Fabio", sagt Birbaumer mit gedämpfter Stimme und beugt sich hinunter.

Im Bett liegt, regungslos und unter dicken Decken, Fabio Furin, 38, ein hagerer Mann, die Augen geschlossen, die schwarzen Haare geschoren, ein Bart deckt die eingefallenen Wangen.

"Na, wie geht’s dir?", sagt Birbaumer, der fließend Italienisch spricht. "Ganz schön was los hier heute."

Fabio, Sohn und Bruder, ist, so lautet der Fachterminus, "completely locked in", komplett eingeschlossen. Gefangener des eigenen Körpers. Er kann sich nicht bewegen, ist vollständig gelähmt. Er kann nicht selbst atmen, ist unfähig, mit der Welt in Kontakt zu treten, obwohl sein Gehirn nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeitet wie das eines Gesunden, er fühlen, hören, schmecken kann und mitbekommt, was um ihn herum geschieht.

Stille. Der ganze Raum wie betäubt. Dann färbt sich der Bildschirm rot. Fabio denkt

Vor acht Jahren erhielt Fabio Furin die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose, ALS, eine Nervenkrankheit, unheilbar: Nervenzellen, die Fabios Muskeln steuerten, starben ab. Seine Arme und Beine verweigerten den Dienst. Seine Zunge, seine Lunge und seine Stimmbänder hörten auf zu funktionieren. Fabios Muskeln, weil ohne Impuls und Aktivität, degenerierten.

Sein Gehirn koppelte sich ab vom Rest des Körpers, kein Signal drang mehr durch zu den Muskeln. So blieb sein Bewusstsein erhalten, während jede Bewegung verging. Fabio Furin ist ein wacher Geist in einer leblosen Hülle.

Oft können sich Eingeschlossene noch minimal äußern. Der ehemalige Chefredakteur der französischen Frauenzeitschrift Elle, Jean-Dominique Bauby, wachte nach einem Schlaganfall in einem Krankenhaus fast völlig gelähmt auf. Mit der ihm einzig verbliebenen Möglichkeit, sich mitzuteilen – dem Blinzeln des linken Auges –, diktierte er seine Memoiren Schmetterling und Taucherglocke, die später verfilmt wurden.

Fabio kann nicht einmal mehr blinzeln. Im Frühling versagte sein letzter Muskel, eine Zuckung in der rechten Wange, und damit die Fähigkeit, Ja oder Nein zu signalisieren. Fabios Gedanken versanken ins Unergründliche.

Birbaumer ist nach Italien gekommen, um sie wieder hervorzuholen. Er will der Familie helfen, zu verstehen, was hinter Fabios blasser Stirn vor sich geht, will ihm, der schon so lange verstummt ist, wieder eine Stimme geben. Dafür muss er Fabios Gedanken lesen.

Niels Birbaumer ist es als erstem Wissenschaftler gelungen, mit komplett eingeschlossenen Menschen in Kontakt zu treten, indem er entschlüsselt, was in ihrem Kopf vor sich geht.

"Zusammen schaffen wir das", sagt er zu Fabio, und zu seinen Leuten: "Gut, legen wir los."

Ujwal Chaudhary, ein 34-jähriger Inder und langjähriger Mitarbeiter Birbaumers, klebt Elektroden auf Fabios Kopfhaut und stülpt ihm vorsichtig eine Kappe aus Neopren über, darauf 16 Sensoren, verbunden mit dem Laptop. Sein brasilianischer Kollege prüft, ob alles passt.

Luigi Furin setzt sich auf den Stuhl am Bett seines Sohnes, neben ihm Frau und Tochter. Birbaumer steht am Kopfende.

Alessandro Tonin, ein italienischer Doktorand, den Birbaumer vor einem halben Jahr in sein Team holte, erklärt Fabio, was nun geschehen wird: "Der Computer wird dir gleich zwanzig Fragen stellen, die du mit Ja oder Nein beantworten kannst. Die Fragen hat deine Schwester vorher zusammengestellt und eingesprochen. Wenn du mit Ja antwortest, denk bitte so lange Ja, bis die Computerstimme ›Grazie‹ sagt. Das sind fünfzehn Sekunden. Bei Nein ist es genauso."

Tonin schaut zu Birbaumer, der nickt ihm zu. Tonin drückt am Laptop auf die Enter-Taste. Aus zwei Lautsprecherboxen fragt, deutlich und laut, die vertraute Frauenstimme: "Ist Carlotta deine Schwester?"

Luigi Furin starrt in seine abgehärteten Hände. Carlotta, neben ihm, beißt sich auf die Unterlippe. Ihre Mutter faltet die Finger ineinander, hofft. Muss sich Fabio nach all den Monaten völliger Isolation nicht längst aufgegeben haben? Wird er den Weg zurück zu ihnen finden?