Dem HSV geht es schlecht. Wie soll die Zukunft nur aussehen? Dem HSV geht es gut. Was für eine Zukunft ihm bevorsteht! Ein Widerspruch, klar. Wie soll es anders sein bei diesem Verein, der häufig so rätselhaft erscheint wie die dunklen Kräfte des Bermudadreiecks und dessen öffentliches Erscheinungsbild wahlweise zu weit aufgerissenen Augen oder ungläubigem Kopfschütteln führt?

Der HSV wirkt in diesen Tagen wieder mal zerrissen: Es gibt für diesen Verein keine Hoffnung – und es gibt viel Hoffnung. Es gibt nur Extreme. Für das eine steht ein älterer Mann, der gerne mit Worten stört und vieles zerstört. Für das andere ein junger Mann, der gerne Gegner stört, ihnen den Ball abnimmt, um ihn anschließend ins Tor zu schießen. Die zwei Gesichter des HSV sind: Klaus-Michael Kühne, 80 Jahre, und Jann-Fiete Arp, 17 Jahre. Der wütende Mäzen und das große Talent.

Der Mäzen

Um das gleich klarzustellen: Ohne Klaus-Michael Kühne gäbe es den HSV nicht mehr. Zumindest nicht den Teil dieses Vereins, den Fans liebevoll den Dino nennen, weil er, einem Dinosaurier gleich, seit Ewigkeiten in der Fußballbundesliga existiert (dass die Erzählung vom überlebenden Dinosaurier an entscheidender Stelle einen logischen Bruch hat, weil es die Tiere nun mal nicht bis in die Gegenwart geschafft haben, soll an dieser Stelle unkommentiert bleiben).

Dieser Bundesliga-Dino hat nun derart schlecht gewirtschaftet, dass Verbindlichkeiten von mittlerweile 105,5 Millionen Euro zusammengekommen sind. Das ist selbst für den Millionenbetrieb Profifußball eine gewaltige Summe. Der Verein, der zu allem Überfluss chronische Probleme hat, eine vernünftige Bundesligamannschaft zusammenzustellen, ist in Not. Die Not kann nur jemand lindern, der viel Geld besitzt. Zum Beispiel Klaus-Michael Kühne.

Mehr als 60 Millionen Euro hat der Mäzen mit Wohnsitzen auf Mallorca und in der Schweiz nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren in seinen Verein gesteckt. Mehr als zwanzig Prozent der Anteile an der HSV AG besitzt er mittlerweile. Wer Anteile besitzt, will auch mitbestimmen, zumindest indirekt. So läuft es in der Wirtschaft, so sollte es nach Meinung von Kühne auch beim HSV laufen. Deshalb forderte er nun, was auf den ersten Blick angemessen erscheint: Im sechsköpfigen Aufsichtsrat sollen auch Personen seines Vertrauens sitzen, wie das bislang mit seinem Firmenmitarbeiter Karl Gernandt der Fall war.

So weit, so logisch. Aber nicht für Jens Meier, den Präsidenten des Hamburger Sportvereins. Meier ist im Hauptberuf Chef der Hamburg Port Authority, wie die Hafenverwaltung heute heißt. Im Nebenberuf bewirbt er sich gerade für die Rolle des mächtigsten Kühne-Gegenspielers. Der Verein HSV, dem Meier vorsitzt, hält 75,1 Prozent der Anteile an der HSV AG der Profifußballer. Meier und Kühne mochten sich nie sonderlich, jetzt kommt es zum offenen Kampf: Am 18. Dezember wird der Aufsichtsrat neu gewählt. Meier will Kühnes Leute so weit wie möglich rausdrängen. Kühne wütet dagegen. In einer Pressemitteilung knüpfte er seine weitere finanzielle Unterstützung daran, dass der Verein "über den von mir befürworteten, unabhängigen und kompetenten Aufsichtsrat verfügt".

Unabhängig und kompetent? Bei der Definition dieser Begriffe liegen Kühne und Meier so weit auseinander wie der HSV und die Tabellenspitze. Kühne versucht seine Leute durchzusetzen, indem er den Verein erpresst: Entweder ihr handelt nach meinem Willen, oder ihr bekommt kein Geld mehr. Meier versucht seine Leute durchzusetzen, indem er die Macht des größten Anteilseigners ausspielt. Bis zur Aufsichtsratssitzung am Mittwochabend, nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, mussten die beiden Parteien eine Art von Lösung gefunden haben.