Am Ende schützte David Shimron auch seine ganz spezielle Beziehung zum israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu nicht mehr. Shimron, ein höflicher Herr Mitte 60 mit randloser Brille, wandelt seit vielen Jahren diskret am Rande des Machtzentrums des jüdischen Staates: als Anwalt, außenpolitischer Berater und nicht zuletzt Cousin Netanjahus. Bislang umgab Shimron eine Aura der Unantastbarkeit. Damit ist es seit dem vorvergangenen Sonntag vorbei.

Ermittler einer Sondereinheit der israelischen Polizei fuhren bei seiner Villa im malerischen Strandort Caesarea vor und baten den Anwalt aufs Revier. Dort wurde er über mehrere Tage wegen eines Korruptionsskandals verhört, der derzeit das deutsch-israelische Verhältnis belastet. In der Affäre geht es um den geplanten Verkauf von vier Korvetten und drei U-Booten von Thyssenkrupp an den Staat Israel. Bei den insgesamt rund zwei Milliarden Euro schweren Rüstungsgeschäften soll in großem Stil Schmiergeld geflossen sein.

Im Zentrum der Ermittlungen steht der israelische Repräsentant von Thyssenkrupp, Miki Ganor. Er hat mittlerweile zugegeben, eine Reihe von israelischen Regierungsbeamten bestochen zu haben, darunter den früheren Chef der Marine sowie den ehemaligen stellvertretenden Nationalen Sicherheitsberater. Zu den Verdächtigen zählt auch David Shimron. Der Netanjahu-Vertraute verhandelte offenbar nicht nur auf der Käuferseite, sondern er vertrat zugleich den Thyssenkrupp-Repräsentanten Ganor bei dem Waffendeal als Anwalt – also die Verkäuferseite. Trat er in dieser widersprüchlichen Konstellation am Ende womöglich vor allem für seine eigenen Interessen ein?

In dem Verhör hielten die Polizisten Shimron einen Artikel aus der ZEIT und der israelischen Zeitung Yedioth Ahronoth vor, in dem ein Treffen von Shimron, Thyssenkrupp-Mann Ganor sowie dem deutschen Botschafter Clemens von Götze beschrieben ist (ZEIT Nr. 42/17). Was bei dem Mittagessen in Tel Aviv am 22. Dezember 2015 besprochen wurde, ist bis heute unklar, das Auswärtige Amt in Berlin verweigert außer der Floskel, dass es um "innen- und außenpolitische Themen" gegangen sei, jede Auskunft.

Die israelischen Ermittler, denen das Treffen neu war, befragten dazu erst Ganor und anschließend Shimron. Der bestätigte das Treffen mit dem deutschen Botschafter, allerdings sei es Ganor gewesen, der um das Gespräch gebeten habe. In den Verhören gingen die Ermittler auch Shimrons Rolle in den Verhandlungen mit Thyssenkrupp nach, nachdem die ZEIT enthüllt hatte, dass der Anwalt auf mehreren Treffen zwischen dem deutschen Konzern und israelischen Regierungsvertretern in die Verhandlungen eingegriffen hatte.

Während der Vernehmung räumte der Netanjahu-Cousin ein, dass er Ganor nicht nur, wie behauptet, rechtlich beraten, sondern auch selbst verhandelt habe. Auch ein Gespräch mit einem Rechtsberater des israelischen Verteidigungsministeriums über den Korvettendeal gab er zu; bei dem Gespräch soll Shimron zugunsten von Thyssenkrupp interveniert haben. Allerdings beharrt er darauf, seine Rollen als Netanjahu-Vertrauter sowie als Anwalt Ganors nicht unzulässig vermischt zu haben. Eine Interessenkollision habe es nicht gegeben.

Zur selben Zeit wie Shimron wurde sein Kanzleipartner Yitzak Molcho verhört, der ebenfalls als Vertrauter Netanjahus gilt; vergangene Woche legte Molcho daraufhin sein Amt als Sondergesandter Netanjahus nieder. Die Affäre ist nicht allein für Netanjahu heikel, der nach dem Artikel in der ZEIT und in Yedioth Ahronoth eine persönliche Erklärung auf Facebook veröffentlichte, in der er über eine "Kampagne der Linken und der Medien" gegen ihn wetterte. Der Vorgang hat auch politische Auswirkungen in Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich persönlich für die Lieferung von drei weiteren U-Booten starkgemacht und eine großzügige Finanzierungshilfe von 540 Millionen Euro zugesagt. Die Kanzlerin hat den Rüstungsdeal dadurch mit ihrer Person verbunden. Aber was, wenn sich bestätigt, dass deutsches Steuergeld in privaten Taschen landete?

Merkel hält zwar noch immer an dem Geschäft fest, weil sie die Sicherheit Israels als deutsche Staatsräson betrachtet. Aber sie hat sich mittlerweile abgesichert. Vor rund drei Wochen, am 23. Oktober, unterzeichnete die Bundesregierung ein neues Abkommen mit der israelischen Regierung, in dem die Deutschen zwar an dem U-Boot-Verkauf festhalten, ihn aber unter Bedingungen stellen. Bevor die Schiffe geliefert werden, müssen demnach sämtliche Ermittlungen eingestellt und muss jeder Verdacht ausgeräumt sein.

Merkel, heißt es im Kanzleramt, habe darauf gedrängt, das Abkommen möglichst geräuschlos noch vor der Bildung einer neuen Koalition zu unterzeichnen, um eine Debatte über den Deal zu vermeiden.