Vor einigen Wochen hat Chinas Präsident Xi Jinping auf dem 19. Parteikongress angekündigt, dass die "digitale Seidenstraße" der Schlüssel zu Chinas Zukunft sei. Sie soll chinesische Energiepolitik mit digitalem Fortschritt verknüpfen und CO₂-arme, internetbasierte Volkswirtschaften quer durch Asien und Afrika fördern. 180 Milliarden Dollar (umgerechnet 153 Milliarden Euro) will Xi in den Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes stecken, er will heimische Start-ups fördern und sein Land obendrein zur Führungsnation im Bereich der künstlichen Intelligenz machen.

China nimmt den Ausbau seiner Digitalwirtschaft also ernst. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte in seiner viel beachteten Europa-Rede an der Sorbonne-Universität "radikale Innovationen" – er will eine neue Energie- und Digitalstrategie für den Kontinent.

Während China klotzt und Macron vorprescht, steckt Deutschland im Investitionsstau fest: Obwohl die Digitalisierung mittlerweile zwar als Grundlage für Wachstum und Wohlstand verstanden wird, mangelt es an ambitionierten Zielen und konkreten Strategien.

Es liegt an den Jamaika-Parteien, daran etwas zu ändern. Ein neuer Koalitionsvertrag muss deutlich machen, dass wir unseren Platz in der globalen Internetwirtschaft einnehmen wollen. Deutschland braucht die digitale Wende. Was dafür getan werden muss, ist offenkundig: Wir brauchen einen flächendeckenden Glasfaserausbau und schnelle 5G-Mobilfunknetze bis 2025, außerdem mehr Anreize für Wagniskapital und Privatinvestitionen aus Europa für Europa. Digitale Kompetenzen müssen fester Bestandteil unseres Bildungssystems werden.

Doch bevor wir die Vision eines digitalen, wettbewerbsfähigen Europas erfüllen können, müssen wir uns zuerst einer zentralen Herausforderung stellen: der Macht von Internetgiganten wie Google, Amazon und Facebook, die fast wie eigene Staaten agieren und dadurch den Wettbewerb verzerren. Sechs der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt sind digitale Plattformen. Sie entwickeln fantastische Produkte und haben über die Jahre enorme Datenbanken aufgebaut. Doch sie nutzen diesen Datenreichtum, um ihre Geschäftsfelder radikal auszudehnen. Suchmaschinen und Betriebssysteme haben auf diese Weise Monopole gebildet – "the winner takes it all", so funktioniert das Geschäft derzeit.

Wer sich gegen diese Dominanz ausspricht, will keinen Konflikt zwischen Europa und den USA herbeireden. Auch in Amerika nimmt die Debatte über die dominante Marktstellung der großen Plattformen Fahrt auf. Erst kürzlich warnte die einflussreiche US-Senatorin Elizabeth Warren vor den monopolistischen Tendenzen der Branchenführer: "Google, Apple und Amazon verdienen es, hochprofitabel und erfolgreich zu sein. Aber die Möglichkeit, sich mit den Besten zu messen, muss offen bleiben für neue Marktteilnehmer und kleinere Wettbewerber, die auf ihre Chance pochen, die Welt erneut zu verändern."

Ein Beispiel aus dem Alltag: Jeder, der zu Hause mit Amazons Sprachassistenten Alexa redet, weiß um die enorme Marktmacht hinter diesem Produkt – der Befehl "Alexa, bestell mir einen Lego-Adventskalender" wird logischerweise zu einer Amazon-Bestellung führen. Alexa wird in diesem Jahr in den USA mehr als 70 Prozent des Marktes für sprachgesteuerte Dienste dominieren. Den europäischen Markt erwartet ein ähnliches Szenario.

Doch ist Alexa ein fairer Gatekeeper für andere Produkte im boomenden Digitalgeschäft? Kann es neben Amazon noch andere Anbieter für Unterhaltung, Bildung oder E-Commerce geben? Lässt der Konzern jungen europäischen Konkurrenten überhaupt eine Chance?

Für unsere Zukunft ist wichtig, dass hier in Europa mehr solcher Produkte entwickelt werden. Ob Spotify (Musik), Trivago (Reisen), Klarna (Finanzen), Here (Kartendienst für Automobile) oder Zalando (Mode und Marktplatz) – Europa hat gezeigt, dass es an Ideenreichtum und Unternehmergeist nicht fehlt. Europas Start-up-Szene brummt, nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris, München, Hamburg, Helsinki und Amsterdam. Und die nächste Generation von Plattformen "made in Europe" könnte auf zukunftsträchtigen Feldern wie dem autonomen Fahren oder dem Internet der Dinge eine entscheidende Rolle spielen.

Doch dazu brauchen wir einen ordnungspolitischen Rahmen, der für einen fairen Wettbewerb in digitalen Märkten sorgt. Sonst werden wir den US-Tech-Konzernen nicht auf Augenhöhe begegnen können. Ein Unternehmen wie der Berliner Musik-Streaminganbieter Idagio hätte beispielsweise keine Chance, angesichts der Marktmacht von Alexa und Apple je neue Hörer zu finden. Nur wer die marktbeherrschenden Internetgiganten zur Neutralität verpflichtet, kann verhindern, dass sie eigene Produkte gegenüber Wettbewerbern bevorzugen.

Die Digitalwende könnte als gesamtgesellschaftliches Projekt ein Merkmal der neuen Jamaika-Koalition werden. Wir können nicht länger darauf warten – vier Jahre sind eine Ewigkeit in der digitalen Ökonomie.