Angela Merkel musste noch einmal deutlich zum Ausdruck bringen, dass sie diese unmögliche Koalition will. Neuwahlen wären natürlich ein Desaster und würden alle vor den Kopf stoßen, die sich gerade an den Gedanken gewöhnt hatten, dass diese Mischung aus liberaler Unbekümmertheit, grüner Anschlussfähigkeit, konservativer Lernfähigkeit und bayerischer Eigensinnigkeit dem Land zugutekommen könnte. Die Liberalen zeigen den Grünen, dass eine ökologische Politik nicht automatisch Ausweitung der Staatswirtschaft bedeuten muss, die Grünen verpflichten die Christdemokraten auf das Ziel einer intelligenten Gestaltung des Kampfes gegen den Klimawandel, und die Konservativen aus Bayern konfrontieren die Union insgesamt mit der Einsicht, dass Zuwanderung nur dann die Gesellschaft belebt, wenn die Regeln des gemeinsamen Weiterkommens klar sind und unmissverständlich eingeklagt werden können. Und die Christlich Demokratische Union spielt die Rolle der Gottesmutter Maria, die alle Worte in ihrem Herzen bewegt.

Die deutsche Gesellschaft, die sich in den letzten zwanzig Jahren tatsächlich von Grund auf verändert hat, hätte dann einen gültigen politischen Ausdruck ihres heutigen Zustandes gefunden. Die liberal gestimmten Leistungsindividualisten aus der Branche der Handelsvertreter für Investitionsgüter, die sozialmoralisch sensiblen Teile der oberen Mitte, die als Ärztinnen, Rechtsanwälte und Kreativkräfte tätig sind, die konservativ gestimmten Leistungsträger aus dem dynamischen Mittelstand in Hohenlohe oder Ostwestfalen und die vielen Freunde der Blasmusik und des postmigrantischen Heimatpops könnten sich in dieser Koalition der unwahrscheinlichen Kompromisse wiederfinden.

Wenn man nur nicht das dumme Gefühl hätte, dass die Ära von Angela Merkel vorbei ist. Jedenfalls wenn man darunter die Dominanz eines Politikstils des Abschleifens von Ecken und Kanten, des Ausgleichens widerstrebender Ziele und der pragmatischen Bewältigung unversehens auftauchender Probleme und Gefahren versteht. Die politischen Parteien überall auf der Welt wollen den Pragmatismus in den Hintergrund und die Programmatik wieder in den Vordergrund stellen. Nicht weil sie sich davon eine bessere Voraussetzung für gutes Regieren versprechen, sondern weil das Publikum es offenbar so will. Parteiführer mit der Bereitschaft zur Zuspitzung haben Zukunft.

Egal, ob sie sich rechtspopulistisch positionieren wie Sebastian Kurz oder Viktor Orbán oder linkspopulistisch wie Jeremy Corbyn oder Bernie Sanders: Die Dramatisierung von rechts mobilisiert eine Wählerschaft, der etwas verloren zu gehen droht, und die von links eine, die etwas zurückgewinnen will.

Diese Tendenz steht auch Deutschland ins Haus. Die SPD hat angekündigt, als Opposition kein Pardon zu geben und wieder als Partei sozialer Rechte erkennbar zu werden. Die AfD will die verhasste Kanzlerin jagen und die Linke der SPD den Marsch blasen. Die FDP macht keinen Hehl daraus, was aus liberalem Geist in Deutschland und Europa geht und was nicht. Sogar die Grünen, die sich im Blick auf die Macht sehr elastisch zeigen, wollen beim Klimawandel die Wahrheiten wieder beim Namen nennen. Und die CSU ist entschlossen, die Union von einer Partei der Mitte zu einer Partei des Konservativen zurückzuverwandeln.

Welche Überzeugungen stehen hier im Widerstreit? Was sind die geistigen Quellen, die links und rechts und bei den Liberalen und den Grünen dazwischen die Politik wieder inspirieren können? Was kann Linkssein, Rechtssein, Liberalsein, Grünsein als Markenzeichen für Wählerinnen und Wähler auf der Suche nach Orientierung heute bedeuten?

Für Konservative gibt es seit Joseph de Maistre einen klassischen Dreiklang: die heilige Familie, die stolze Nation und den herrlichen Gott. Wer von sich behauptet, politisch konservativ zu sein, muss die Familie als Keimzelle der Gesellschaft verteidigen, in der die Grundlagen für das gesellschaftliche Miteinander gelegt werden: Rücksicht aufeinander, Verantwortung füreinander und die Verpflichtung auf ein Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Auch wenn die Soziologie nicht mehr so genau weiß, wie sie die Familie jenseits von Ehe, Geschlechterpolarität und Gattensolidarität als Institution bestimmen soll, brauchen Konservative für ihre Intuition, dass die Lebensgemeinschaft mit Kindern die Menschen formt und trägt, keinen wissenschaftlich begründbaren Begriff.