Wenn Melanie Schwab von der Geburt ihres ersten Kindes vor vier Jahren erzählt, dann klingt das, als sei es gestern gewesen. Wie sie da abgekämpft auf der Operationsliege lag, nach zwölf Stunden Wehen. Wie ihr, ohne sie aufzuklären, die Schamhaare rasiert und Arme und Beine mit Klettverschlüssen festgeschnallt wurden. Die Fruchtblase war schon am Tag zuvor geplatzt, es wurde den Ärzten zu gefährlich, sie hielten einen Kaiserschnitt für nötig. Melanie Schwab konnte nicht sehen, was passiert, sie spürte nur ein heftiges Rütteln im Bauch. Dann hielt ihr eine OP-Schwester das Neugeborene entgegen, willkommen, Emma. Kurz sah Schwab ihr Kind, dann verschwand die Schwester damit aus dem Operationssaal. Heute sagt die 28-Jährige: "Dieses euphorische Gefühl hat gefehlt. Stattdessen war da dieses Gefühl von Versagen: Ich habe es nicht allein geschafft."

Wie Melanie Schwab geht es vielen Frauen. Stundenlang liegen sie in den Wehen, kämpfen für eine natürliche Geburt. Kommt es dennoch zum Kaiserschnitt, glauben sie, sie hätten versagt. Die Zahl der darunter leidenden Frauen erfasst keine Statistik, doch in Online-Foren finden sich Hunderte Einträge von Nutzerinnen, die mit dem Geburtserlebnis hadern.

"Einer der Gründe für die Belastungen der Frauen ist eine idealisierte Vorstellung, wie eine Geburt ablaufen soll", sagt die Gesundheitspsychologin Judith Raunig. Nach einem eigenen ungeplanten Kaiserschnitt, nach dem sie "ziemlich enttäuscht" gewesen war, hat sich die Österreicherin auf Frauen und Paare spezialisiert, die Ähnliches mitgemacht haben. "Meiner Erfahrung nach denkt die Mehrheit der Betroffenen: Ich habe nicht geschafft, was jede andere Frau schafft." In vielen Gesprächen mit Patientinnen habe sie zudem bemerkt, wie tabuisiert das Thema sei.

Die natürliche Geburt ist das Ideal. Das setzt werdende Mütter unter Druck

Zwar ist der Kaiserschnitt weit verbreitet, in Deutschland kommt jedes dritte Kind auf diese Art zur Welt. Manche Frauen wünschen sich die Geburtsmethode sogar explizit. Dennoch gilt die natürliche Geburt als Ideal, auch weil sie Experten zufolge Vorteile für die Gesundheit des Kindes hat. Das setzt werdende Mütter wie Melanie Schwab indirekt unter Druck. "Ich schämte mich. Ich dachte: Ich sag es niemandem." Ihre Tochter sei im Bekanntenkreis die Einzige gewesen, die per Kaiserschnitt geboren wurde. Nicht natürlich zu gebären war für sie undenkbar gewesen. "Ich habe das Kapitel in den Büchern zur Geburtsvorbereitung immer überblättert."

Dass Frauen sich nach einem Kaiserschnitt schuldig fühlen, hat oft weitreichende Folgen: Manche wollen kein zweites Kind, weil sie sich vor erneutem Scheitern fürchten, einige rutschen sogar in eine Depression. Eine kürzlich im Journal of Psychosomatic Research erschienene Studie zeigte einen deutlichen Zusammenhang zwischen Kaiserschnittgeburten und postnataler Depression.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Für einen Kaiserschnitt gibt es viele Gründe. Mal liegt das Kind in einer komplizierten Position, mal droht es, zu wenig Sauerstoff zu bekommen, mal zieht sich die Geburt so lange hin, dass es für Mutter und Kind gefährlich wird. Im Nachhinein macht den Müttern niemand einen Vorwurf – außer sie sich selbst. "Ich habe immer wieder das Gefühl, als wäre durch den Kaiserschnitt etwas in unserer Bindung zerbrochen", schreibt eine Frau im Forum des Online-Familienmagazins urbia über ihre vier Monate alte Tochter. Eine andere berichtet, dass sie noch Monate nach der Geburt ihren Sohn wie etwas Fremdes betrachte: "Ich habe einfach nicht gesehen, wie er aus mir rauskam."

Viele Frauen fühlen sich mit solchen Gedanken alleingelassen. Das zeigt eine Befragung an der Frauenklinik des Klinikums rechts der Isar der TU München. Demnach ist die durchgehende Begleitung durch eine Hebamme maßgeblich für die Zufriedenheit und das Sicherheitsgefühl der werdenden Mutter. Experten fordern zumindest im Kreißsaal eine Eins-zu-eins-Betreuung. In der Realität muss sich eine Hebamme jedoch oft um mehrere Frauen gleichzeitig kümmern.