An einem trüben Herbsttag kann Günter Krause aus Hainewalde seinen Ärger nicht mehr im Zaum halten. Er packt einen kleinen Ofen in sein Auto, den er eigentlich zum Gulaschkochen benutzt. Steckt seine Approbation ein, seine Zulassung als Arzt. Und fährt aus Ostsachsen nach Dresden, zur Kassenärztlichen Vereinigung.

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Was er plant, ist nicht weniger als: seine Existenz als Arzt zu zerstören. Seine Approbation, die ärztliche Zulassung, öffentlich zu verbrennen. Weil er die Kassenärztliche Vereinigung (KV) für viele seiner Probleme verantwortlich macht, soll die Aktion vor deren Zentrale stattfinden. "Honorarbeschneidung, Rabattverträge, Regresse ... mir reicht es! Macht doch euern Dreck alleene!", das hat er, Tage zuvor, in einem Brief geschrieben, den er auch der Lokalzeitung zuspielte, der Sächsischen Zeitung. Die griff seine Drohung groß auf.

Und plötzlich sprach ganz Sachsen über ihn. Der Herr Doktor aus dem letzten Zipfel des Landes war jetzt jemand, der vielen Menschen einen mächtigen Schrecken einjagte. Seinen Patienten auf dem Dorf, die fürchteten, dass sie bald niemand mehr versorgen wird. Aber auch etlichen Politikern und Entscheidern aus dem Gesundheitswesen, die nicht so recht wussten, was sie auf die Schnelle mit dem aufgebrachten Mann anfangen sollten. Hatte man es etwa mit einem Wutbürger zu tun?

"Wutbürger? Hoffentlich sieht mich jetzt keiner so. Bis auf diese eine Sache war ich doch immer friedlich. Aber wenn man allzu ruhig daherkommt, passiert ja auch nichts."
Günter Krause, 38 Jahre

Wenn man Günter Krause, 38, an einem anderen Tag in seiner Praxis besucht, lacht er verlegen. "Wutbürger? Hoffentlich sieht mich jetzt keiner so. Bis auf diese eine Sache war ich doch immer friedlich. Aber wenn man allzu ruhig daherkommt, passiert ja auch nichts." Die Aufmerksamkeit, die sich nun auf ihn richtet, ist ihm ein bisschen unangenehm. Interviews ist er nicht gewohnt. Vorher hatte niemand etwas von seiner Aktion gewusst. "Noch nicht mal meine Frau, denn sie hätte wahrscheinlich geschimpft", sagt er. Im letzten Jahr habe er schon manches Mal darüber nachgedacht, seine Praxis aufzugeben, aber immer wieder gezweifelt: "Geht dann hier alles den Bach runter? Kümmert sich dann niemand mehr um die Patienten?"

Die Debatte, die er schon mit der Drohung, seine Approbation zu verbrennen, ausgelöst hat: Wie unattraktiv ist eigentlich der Beruf des Landarztes? Müsste man, in entvölkerten Regionen, in demografisch geplagten Gebieten wie der Lausitz, einem Mann wie Günter Krause nicht den Teppich ausrollen? Denn Krauses Probleme, sie stecken in seinem Arbeitsalltag. Der Landarzt klagt über Schichten, die selten kürzer als zehn Stunden sind. Über immer weitere Strecken, die er für Hausbesuche über die Dörfer fahren muss, weil auch in seiner Region das Ärztenetz immer dünner wird. Hinzu kommen Patienten in elf Altenheimen, die er regelmäßig betreut. Er schimpft über die Praxis-Bürokratie, stapelweise Dokumentationen und Abrechnungen, die er nebenbei erledigen muss. Und er berichtet von Medikamenten und Therapien, die er gern verschreiben würde, weil er sie als sinnvoll einstuft, aber die Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung das möglicherweise nicht tun. Diese KV ist jene Institution, der alle Ärzte angehören müssen, die gesetzlich Versicherte behandeln. Und die, unter der Rechtsaufsicht der Gesundheitsministerien, die flächendeckende ärztliche Versorgung sicherstellen muss.

Macht das alles also noch Sinn mit seinem Job? Diese Frage stellt Krause sich oft.

In jedem Quartal behandelt er ungefähr 1.100 Patienten. In seinem Wartezimmer gibt es meist nur diesen Unterschied: Entweder es ist voll. Oder überfüllt. Deshalb vergibt Krause keine Termine – jeder muss warten. "Wenn die Praxis sowieso schon bis zum Platzen voll ist, dann noch der 25. Hausbesuch angemeldet wird und schließlich Abrechnungen dazukommen, bei denen man mit Behörden und Kassen um Prozente rumdiskutieren muss", sagt Krause – dann sei irgendwann das Maß voll.

Die Krauses sind eine Arztfamilie

Viele Patienten kennt er schon sein ganzes Leben. Er wurde in der Oberlausitz geboren. In Hainewalde, nicht weit von der tschechischen Grenze, wohnt er, seit er denken kann. Einige ältere Leute, denen er den Blutdruck misst oder Tabletten gegen Arthrose verschreibt, erinnern sich noch, wie er im Kinderwagen die Dorfstraße entlanggeschoben wurde. Die Krauses sind die Arztfamilie hier. Nach dem Mauerfall hat die Mutter eine Praxis für Allgemeinmedizin eröffnet, das kleine gelbe Haus an der Hauptstraße wurde extra dafür gebaut. Auch ihr Sohn Günter studierte Medizin, dafür schickte ihn die Zulassungsstelle an eine Mainzer Hochschule, aber ihm war immer klar: Er kommt zurück, wird Landarzt im Heimatdorf. Als er vor vier Jahren die Hainewalder Praxis übernahm, schien alles gut. Krause Junior, ein gemütlicher Typ mit robustem Humor, war bei den Patienten gleich beliebt.

Direkt über der Behandlungsliege in seinem Sprechzimmer hängt ein Aquarell von seinem Dorf. Er liebt es hier, "aber das ist eben nicht alles". Günter Krause hat keinen Forderungskatalog für die Politik aufgestellt, keine Vorschläge formuliert, wie er das Gesundheitssystem reformieren will. Wenn man von ihm wissen will, woran sein Beruf krankt, erzählt er von einem Video, das er kürzlich sah, ein Werbefilm der Landesärztekammer, die Ärzte in die Provinz locken will. Krause sah: "blühende Wiesen, tuckernde Traktoren und eine Ärztin, die von der Entschleunigung auf dem Land schwärmt". Darüber kann er sich aufregen. "Das hat nichts mit unserem Alltag zu tun. Sollen sie jemanden zeigen, der im Altenheim über den Flur hetzt."