Liebe Leserin, lieber Leser, Sie tun etwas, das auszusterben droht; Sie lesen einen Text.

Wie anders wäre es, wenn Sie diesen Leitartikel als Video anschauten: Vielleicht spreche ich Ihnen dann zu langsam, nervt Sie das Foto hinter mir oder lenkt Sie meine Gestik ab. Sie können es nicht ändern. Ich sende, Sie empfangen.

Da Sie diesen Text aber lesen, beginnen Sie zwei Gespräche: eines mit mir, eines mit Ihnen selbst. Vielleicht stoppen Sie beim Lesen, schweifen ab, denken nach. Durch die lange Weile Ihrer eigenen Geschwindigkeit entsteht etwas Neues.

Lesen ist die wichtigste Kulturtechnik, die Menschen haben. Lesen erschließt einem die Welt, erzeugt Mitgefühl, lässt einen die Furcht vor dem Furchtbaren überwinden, indem es das Furchtbare in Worte fasst. (Nicht zuletzt: Lesen macht Freude, was man auch an diesem Freitag sieht, wenn beim Bundesweiten Vorlesetag von ZEIT, Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung 160.000 Ehrenamtliche Kindern vorlesen.)

Der Krise des Lesens kann man durch produktive Verunsicherung entkommen

Doch derlei Aktionen dürfen einen nicht täuschen: Das Lesen ist von zwei Seiten gefährdet, von neuer Technologie und alter Ignoranz.

So schnell wie nie ändert sich, wie Menschen kommunizieren. Erst haben sie immer mehr gelesen und geschrieben; sie simsten, whatsappten und posteten. Die neue Schriftlichkeit verbreitete sich so schnell, dass Pessimisten von einer "Kultur des gesenkten Blicks" sprachen, in der jeder in sein Smartphone starrt und in dudenferner Orthografie textet.

Jetzt kommt etwas Neues: die Kultur des gespitzten Mundes. Sprache ist der nächste große Schritt der Digitalisierung. Als Mobilfunk teuer war, verschickte man Datenpartikel namens SMS. Heute sendet man lange Ansagen, die man in das Smartphone vor seinem Mund spricht. Kein Dialog entsteht, sondern digitales Rede-Pingpong. Zudem sprechen Menschen nun mit Maschinen, mit schlauen Systemen wie Siri, Alexa oder Google Home, die beliebte Weihnachtsgeschenke werden. Und Facebook-Chef Mark Zuckerberg kündigte gerade an, Videos ganz groß zu machen.

Der neue Modus erfasst auch die Hochkultur: Weniger Menschen kaufen Bücher, mehr gehen jedoch auf Buch-Events wie Lesungen; es reicht ihnen, sich durch den Autor "belesen zu fühlen", wie die FAZ schrieb.

Wer immer spricht und nie schweigt, hat irgendwann nichts mehr zu sagen. Selbst der Beredsame kann sich nicht aus sich selbst reproduzieren, er braucht den Raum des stillen Zwiegesprächs mit dem Geschriebenen. Wenn alle nur noch senden, wird immer mehr Gesendetes bedeutungslos. Sprechen ohne Lesen ist Gelaber.

Deutschland lebt von neuen Ideen und Erfindungen. Es müsste daher zu den vordringlichsten Aufgaben von Bildungspolitikern zählen, das Lesen zu retten. Doch seit Jahren ignorieren sie es und verlieren dabei die aus den Augen, die wenig Chancen und kaum eine Lobby haben: 7,5 Millionen Menschen können kaum lesen und schreiben. 28 Prozent der Eltern lesen ihren Kindern in den ersten drei Lebensjahren nicht regelmäßig vor. In acht deutschen Bundesländern sank die Lesekompetenz der Grundschüler zwischen 2011 und 2016, was nur deswegen nicht so auffiel, weil die Leistungen bei Rechtschreibung und Mathe stärker nach unten gingen.

Es gibt zwei Wege, mit diesen Befunden umzugehen: Kulturpessimisten bejammern genießerisch den Untergang; das lindert den Schmerz, macht die Rettung jedoch unwahrscheinlicher. Optimisten hingegen setzen auf die produktive Verunsicherung, die die Krise des Lesens auslöst. Vielleicht kann sie ein "Gesetz" inspirieren, das der Althistoriker Wolfgang Riepl vor hundert Jahren in einer Arbeit über das "Nachrichtenwesen des Altertums" aufstellte: Dem zufolge verdrängt eine neue Kommunikationsform eine alte nicht, sondern führt diese auf ihre eigentliche Stärke zurück. Das Lesen wird man also nicht durch Weltuntergangsgerede retten, sondern indem man es groß macht und besonders.

Viele Geschichten der Weltliteratur handeln von unerhörten Begebenheiten. Solche Begebenheiten müssten die Optimisten fürs Lesen erschaffen. Was das sein kann? Kleine Aktionen, von Lese-Flashmobs bis zu Bücherschränken an jeder Ecke, aber auch große Dinge wie grandiose Bibliotheksbauten; so gehen in sozialen Netzwerken gerade Bilder der neuen Bücherei von Binhai viral, einem spektakulären Palast der Bücher, der ausgerechnet im hyperschnellen China gebaut wurde.

Wer das Lesen feiert, der rettet es.

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