"Im Auge des Sturms" – so lautete bis vor Kurzem die Adresse des Libanons im Mittleren Osten. Also da, wo es ruhig und stabil ist, während drum herum Kriege toben und Staaten zerfallen. Wobei "ruhig" und "stabil" relative Begriffe sind. Über eine Million syrische Flüchtlinge waren ins Land gekommen, die syrischen Kriegsfronten ins libanesische Grenzgebiet ausgefranst, und an den alltäglichen libanesischen Kalamitäten – Stromausfälle, überquellende Müllkippen, Korruption – hatte sich auch wenig geändert.

Aber das von allen erwartete Szenario, der kleine Libanon würde mit in den großen Strudel des Krieges gerissen, traf nicht ein. In Beirut wurden weiter immer neue Hochhäuser gebaut, zu den berühmten Musikfestivals im Hinterland reisten wieder mehr Touristen an, und die Zahl der ausländischen Nahost-Korrespondenten stieg ebenfalls. Wo sonst lässt sich der Wahnwitz der Region besser aushalten als in Beirut?

So war das – bis exakt zum 4. November, als der libanesische Premierminister Saad Hariri nicht etwa in Beirut, sondern ausgerechnet in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad völlig überraschend seinen Rücktritt erklärte – offensichtlich unfreiwillig, weil zitternd vor den Kameras eines saudischen Fernsehsenders. Zwei Tage später bezeichnete die saudische Regierung den Libanon als potenziellen Kriegsgegner, weil dieser de facto von der schiitischen Miliz Hisbollah regiert werde – einem gehorsamen Verbündeten des Erzrivalen Iran. Wieder drei Tage später forderte die saudische Regierung ihre Staatsbürger auf, den Libanon umgehend zu verlassen.

Droht hier ein neuer Krieg? Könnte der Libanon, wo ich seit bald fünf Jahren lebe, zum Schlachtfeld werden, auf dem Saudi-Arabien und der Iran ihren Kampf um die Vorherrschaft im Mittleren Osten austragen?

Die Frage lag in der Luft – und plötzlich war es still in den Straßen Beiruts. Die Bars blieben leer, und mein Gemüsehändler notierte sich die Flugpreise nach Montreal, wo sein Sohn lebt. Eine Kellnerin in meiner Lieblingskneipe hatte vorsichtshalber die Koffer für eine Evakuierung nach Frankreich gepackt, dessen Staatsbürgerschaft sie wie viele andere Libanesen besitzt. Nur die syrischen Exilanten unter meinen Bekannten zuckten deprimiert mit den Schultern – ihre Reisepässe sind längst abgelaufen, alle Fluchtrouten blockiert.

Es begriff zwar zunächst keiner, was genau da gerade passierte. Aber den meisten Libanesen schwante, dass nicht nur ihr Premierminister in Riad zu einer politischen Geisel geworden war, sondern der ganze Libanon.

Ich tat, was ich immer tue, wenn mich dieses Land schwindelig dreht: Ich lief durch Beirut, auf der Suche nach einem Ort, an dem der jüngste Akt dieses Dramas vielleicht einen Sinn ergeben könnte. Und landete auf einem der wenigen schönen öffentlichen Plätze im Stadtzentrum zwischen Skulpturen, teuren neuen Apartmenthäusern, jungen Bäumen und Springbrunnen. Vor fast genau vier Jahren war ich das erste Mal hier gewesen – kurz nachdem 50 Kilo Sprengstoff an dieser Stelle einen Krater gerissen hatten. Ich war damals noch neu in der Stadt, und es war eines der ersten Attentate, dessen Tatort ich mit eigenen Augen sah.