Dreißig Jahre ist es her, dass Steven Patrick Morrissey als Sänger der britischen Band The Smiths eine depressive Heilserwartungsbewegung im Disco-Nebel gründete. Hört man sein neues Solo-Album, kommt es einem aber wie gestern vor. Setzt Morrissey doch bereits mit dem Titel auf Imagos aus alten Smiths-Tagen: Low in High School, das klingt nach Raufereien auf dem Schulhof, nach Heimlich-Schnaps-in-die-Fruchtbowle-Kippen beim Abschlussball. Nach verträumten Außenseitern, die sich verwegen die langen Haare aus dem Gesicht streichen, während sie Jack Kerouac lesen.

Nur ist Morrissey mittlerweile 58 Jahre alt. Die schneller werdenden, schwirrenden Gitarren? Riffs, die klingen, als würde ein Amboss traktiert, und die militärisch disziplinierten Hi-Hats? Hat man von ihm schon öfter gehört. Was hast du uns noch zu sagen, Morrissey? Es könnte alles gut sein, würde die Antwort schlicht lauten: nichts. Alle paar Jahre ein neues Album, das eigentlich ein altes ist, dazu eine Tour für die geschrumpfte Fangemeinde, die noch einmal nostalgisch in das Bandshirt ihrer Jugend schlüpfen und daran denken kann, wie Morrissey mit dem lakonischen Weltschmerz seiner alten Hits wie Everyday Is Like Sunday die verflixte Trostlosigkeit der Verhältnisse entlarvte. Und deswegen auch immer, ohne dass es ihm selber klar gewesen sein dürfte, Gesten der großen Verweigerung transportierte, die heute nur noch als popkulturelles Derivat auf Oldie-Sendern überlebt haben: We Don’t Need No Education, Fuck You, I Won’t Do What You Tell Me, Hurra, hurra, die Schule brennt.

Doch so einfach ist es nicht, denn mit Morrissey war es noch nie einfach. Dass sein Denkmal größer ist als er selber? Hat er nie verkraftet. Und mittlerweile ist aus dem zynischen Zweifler Morrissey endgültig ein Idiosynkrat geworden. In Spent the Day in Bed singt er davon, wie er Kissen zu Festungssäulen auftürmt, während draußen vor der Tür die Arbeiter versklavt sind – selber schuld, wären sie mal wie Morrissey im Bett geblieben. Von romantischer Sehnsucht nach einem anderen, besseren Dasein will er nichts mehr wissen, stattdessen zieht er sich nur noch die Decke über den Kopf.

Unter der singt er dann, man solle doch bitte die Realität für unter der eigenen Würde erklären und also keine Nachrichten mehr schauen – macht ja eh bloß schlechte Laune. Das klingt zwar erst einmal nur wie die infantile, aber harmlose Lifestyle-Lebensweisheit einer Mittvierziger-Karrierefrau mit Entschleunigungs-Ratgeber auf dem Teakholz-Nachttisch.

Tatsächlich jedoch raunt hier etwas mit, das Morrissey im wuchtigen Opener My Love, I’d Do Anything for You ganz offen benennt, wenn er davor warnt, Kinder den Lügen der Presse auszusetzen. Gekaufte Journalisten, die quasi im Regierungsauftrag das ehrliche Volk verarschen – man kennt solche Narrative. Vor allem von ihm: So beklagt er in Interviews "Masseneinwanderung" und beklatscht die rechtspopulistische Ukip. Auch den Brexit verteidigt er nun in Jacky’s Only Happy When She’s Up on the Stage noch einmal allegorisch. Als Notwehr eines krumm geprügelten Landes, dem korrupte Eliten die Identität weggefingert hätten.

Lange Zeit prallten Anwürfe, er sei ein rechter Hitzkopf, an ihm ab. An der Ambivalenz seiner Inszenierung, an seiner auratischen Zerbrechlichkeit, bei der stets auch ein Funken Utopie mitschwang. Doch mit der Uneindeutigkeit scheint es spätestens jetzt vorbei zu sein bei ihm, der nur noch in der eigenen Verbitterung rüsselt. Wendet man sich ab, weil er nervt – oder weil er langweilt? Man weiß nicht so recht, aber sicher ist: Für Low in High School sind die Smiths bestimmt nicht gestorben.