Der erneute Vorstoß amerikanischer Psychiater und Psychologen, Donald Trump die Ferndiagnose "narzisstische Persönlichkeitsstörung" zu verpassen, hat es in den letzten Wochen prominent in die deutschen Medien geschafft, auch in die ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Und mit dieser neuen Welle reihten sich auch einige Psychiater aus Deutschland in die Gruppe derer ein, die Menschen, die sie nie untersucht haben, Diagnosen geben – vorzugsweise die des Narzissmus.

Einige Psychiater tun das schon länger. Rainer Holm-Hadulla etwa hat nach dem Germanwings-Absturz 2015 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den Co-Piloten der Maschine geschrieben. "Der kalte Hass des Narzissten" lautete die Überschrift. So lenkte er den Hass der Öffentlichkeit auf den Verstorbenen und seine trauernde Familie, ohne jede Grundlage, die ein Psychiater für eine Diagnose benötigt. Und Hans-Joachim Maaz vergibt in Talkshows die Diagnose Narzissmus mit Vorliebe an Angela Merkel, über die er sich offenkundig vor allem persönlich ärgert.

Bei Donald Trump sei es nun aber ganz anders, argumentieren jetzt viele Journalisten, Psychiater und Psychologen, auch solche, die sonst nicht so sehr für ihr Drängen nach medialer Aufmerksamkeit bekannt sind und die die Auftritte der Kollegen eher mit Unbehagen beobachtet haben. Denn bei Trump liege genug Material vor, um das zu beurteilen. Die Gefahr durch sein Handeln sei bei ihm auch so groß, dass eine solche Ferndiagnose in diesem Fall ausnahmsweise gerechtfertigt sei.

Das Problem aber ist: Es geht nicht primär darum, ob es theoretisch möglich ist, eine Diagnose zu stellen. Es geht um ethische Abwägungen und um gesellschaftliche Konsequenzen. Durch das öffentliche Stellen von Diagnosen aus der Ferne nehmen Psychiater in Kauf, dass sie Menschen mit psychischen Beschwerden abschrecken, die immer noch häufig Angst haben, in starre diagnostische Schubladen gepresst und stigmatisiert zu werden. Und die darunter leiden, dass ihre persönliche Krise zur Nummer in einem Klassifikationssystem wird. Wenn Psychiater dieses Klassifikationssystem nun auch, entgegen üblichen Prinzipien, in politischen Auseinandersetzungen einsetzen, verspielen sie Vertrauen und erschweren Menschen mit Beschwerden den Zugang zum Hilfesystem.

Traurigerweise bewirken die Psychiater mit ihrem Vorstoß wahrscheinlich auch noch das Gegenteil von dem, was ihnen vorschwebt: Sie bestärken Trumps Anhänger eher in deren Ansicht, dass es eine selbstgerechte Elite gebe, die die eigenen Prinzipien und Moralvorstellungen über Bord werfe, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen gehe. Und sie treiben diesen Teil der Bevölkerung damit noch weiter in den nihilistischen Hass auf "das System" – einen Hass, den Politiker wie Donald Trump für sich nutzen und weiter schüren, indem sie die allgemeine Gültigkeit der Menschenwürde relativieren.

Aus genau diesem Grund sollten Psychiater weiterhin davon Abstand nehmen, dem amerikanischen Präsidenten eine Diagnose zu geben, ohne ihn untersucht zu haben. Sie sollten vorbildhaft zeigen, dass das Grundprinzip der Achtung der Menschenwürde auch in Ausnahmesituationen nicht aufgegeben werden darf. Für Psychiater bedeutet das, wirklich jeden Menschen nur nach der Möglichkeit eines persönlichen Gesprächs zu diagnostizieren.

Otto Kernberg, der wohl bekannteste lebende Narzissmus-Experte, hat das im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt gebracht: Sein Berufsethos verbiete ihm, Personen zu diagnostizieren, die er nicht selbst untersucht habe; und habe er sie untersucht, dann dürfe er selbstverständlich nichts sagen.

Die Narzissmus-Experten der Welt sollten sich an dieser Vorgabe messen. Alle anderen sollten aus Achtung vor der Menschenwürde schweigen.