An einem langen Wochenende auf dem Land, neben dem Kamin sitzend, während draußen der Regen die letzten Herbstblätter von den Bäumen löst und die Luft, die durch die Fensterritzen zieht, nach nass-modrigen Blättern riecht – an einem solchen ablenkungsfreien Ort liest sich Die Obstdiebin, der neue Roman von Peter Handke, wie die allernatürlichste Sache der Welt: so einzig richtig und angemessen wie Laub harken, Holz hacken, ein Rehpfeffer zubereiten oder mit Gummistiefeln durch sumpfige Wiesen stapfen. Der eigene Atemrhythmus folgt dem Takt von Handkes Sätzen, jedes Wort gewinnt dabei eine wohltuende Griffigkeit wie die Holzscheite, die man zwischendurch im Kamin nachlegt, und der Eskapismus, den Die Obstdiebin weniger verklärt als mit Klauen und Zähnen verteidigt als höchstes Menschenrecht, erscheint einem als die naheliegendste Lebensform, über jeden Zweifel erhaben und kaum einer Begründung notwendig. Einmal heißt es gar über Bibelgeschichten, die einen "Bezug auf irgendwelche Aktualitäten" haben: "Schert euch weg aus der Geschichte."

Weil der neue Handke aber 600 Seiten umfasst, ist das Wochenende schneller vorbei, als man mit der Obstdiebin durch ist. Wenn man dann im ICE von Berlin nach Hamburg weiterliest, während die Durchsage den Reisenden einen Snack im Bordbistro nahelegt, erscheint einem das Buch geradezu grotesk, als parodiere sich der Autor selbst. Ungläubig will man ausrufen: "Das kann der Handke doch nicht ernst meinen! Wie viele Frage- und Ausrufezeichen will er denn noch in jeden Satz streuen? Wann kommt die Geschichte denn endlich in Gang? Bitte nicht noch eine Abschweifung zum Eulenruf und zum Grillenzirpen! Und wer, verdammt noch mal, ist denn nun diese prätentiöse Obstdiebin mit dem geschulterten Militärsack, die da durchs Dickicht der Vorstädte kreucht, auf dem Weg in die Picardie?"

Aber fühlte man sich nicht gestern noch auf dem nebelverhangenen Land von jedem Satz durchgeknetet, erhoben, neugeboren? Muss man sich in ein Kloster zurückziehen, um Peter Handke lesen zu können?

Um was geht es in der Obstdiebin? Das ist nicht leicht zu sagen

Die meisten Schriftsteller produzieren Normaltext mit gelegentlichen Idiosynkrasien, an denen man dann ihren persönlichen Stil erkennt. Handke hingegen ist es über die Jahre gelungen, seine Texte so zu destillieren, dass sie nur noch aus Idiosynkrasien bestehen. Deshalb lässt er sich so leicht parodieren. Aber mit einer solchen Parodie ist interessanterweise nichts gewonnen. Die Eigentümlichkeiten dieses Autors werden nämlich so ungeschützt zur Schau getragen, dass man sich nicht den Ruf von Scharfsinn erwirbt, wenn man sie verspottet. Dass Handke in jedem Satzzeichen ganz Handke ist, hat damit zu tun, dass er alles, was sonst Romanliteratur aus- und verwechselbar macht, radikal aus dem Erzählprozess verbannt: Figurenpsychologie, Handlung, einen benennbaren Konflikt, kausale Entwicklungslinien, Spannung. Das Ziel dieses Erzählens ist nicht die Imagination, bei der im Kopf des Lesers Figuren lebendig werden, mit denen er dann mitfiebert; die Lektüre gleicht eher einer Meditationsübung, bei der der Leser das Gewicht der eigenen Körperglieder spürt: "Deine Fersen werden jetzt ganz schwer ..." Wenn Handke schreibt: "Sonst hatte mir beim Verlassen des Hauses das Bergaufgehen gutgetan, indem es mich den Boden unter den Füßen spüren ließ und die Knie stärkte", spürt man plötzlich selber das eigene Körpergewicht am Berghang auf den Knien lasten.

Um was geht es in der Obstdiebin? Das ist nicht leicht zu sagen. Am Anfang erleben wir den Erzähler in der vertrauten Umgebung seiner Niemandsbucht bei Paris. Er möchte, was er erzählt, genau datieren, aber doch nach den eigenen Maßstäben von Genauigkeit, weshalb der lineare Kalender der Aktualitäten durch eine mythisch-zyklische Zeitrechnung ersetzt wird: "Diese Geschichte hat begonnen an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird." Wer Zehen hat, zu fühlen, möchte sich nach diesem Satz dafür verwünschen, noch nie barfuß in eine Biene getreten zu sein.

Wir erleben den Erzähler, wie er sich in Haus, Garten und näherer Umgebung zu schaffen macht. Er leert den Briefkasten und stellt befriedigt fest, dass er echte Post, nicht amtlichen Schriftverkehr erhalten hat: "Die ersten beiden Augustwochen waren die Zeit, da man damit rechnen konnte, endlich einmal vom Staat verschont zu werden." Doch Unbill droht dem Anarchen mit der Lust am Barfußgehen nicht nur von staatlicher Seite, auch der Nachbar rückt ihm unangenehm auf die Pelle, indem er den Privatweg mit seinem Auto befährt und die gerade vom Erzähler sorgfältig ausgebesserten Schlaglöcher erneut aushöhlt. Ein "Krepier!" kommt dem Erzähler da von den Lippen.

Ein Menschenfreund ist dieser Staatsfeind also noch lange nicht. Zumindest sind seine Regungen widersprüchlich, hin- und hergerissen zwischen Misanthropie und Kommunionssehnsüchten. Mal sieht er sich als Illegalen, von der Menschheit ausgeschlossen, dann wieder träumt er von einer alle und alles versöhnenden Friedensfeier. Kann man das, was der Erzähler an seiner Gegenwart beobachtet, politisch nennen? Einmal, im Zug, gerät er in Wut, weil die muslimischen Frauen seinen suchenden Blick nicht erwidern: "Weg mit all euch Verschleierten und Vermummten, um Gottes willen. (...) Ich spürte, wie ich in eine Art Wut geriet; wie ich dran war, das Weibszeug zu beschimpfen, weil es so gar nicht war, wie es in meinen Augen sein sollte." Gegen die Bedrohung durch Terroranschläge indes führt der Erzähler ausgerechnet einen Sarazener-Dolch mit sich, als wäre es ihm wichtig, zwischen verschiedenen Kulturen des Islamischen zu unterscheiden.