Ich arbeite in der Herzchirurgie. Zu meinen Aufgaben als Assistenzarzt gehört auch die Morgenvisite. Dabei traf ich einen Patienten, den ich hier Herrn Claussen nennen möchte. Herr Claussen hatte eine Bypass-Operation hinter sich. Wie es ihm heute gehe?, fragte ich. Aber der 80-Jährige reagierte nicht. Er drehte seinen Kopf langsam gen Fenster, schaute hinaus und schwieg. Später am Morgen rief seine Frau die Stationsschwester an. Ob es wahr sei, dass ein Schwarzer ihren Mann behandle? Man möge ihn doch bitte von einem "richtigen" Arzt untersuchen lassen.

Viele Menschen sehen nicht mich, sie sehen nur meine Haut, und die ist schwarz. In der Klinik hält man mich mal für den Putzmann, mal für den Koch. "Bringen Sie hier das Essen?", fragte mich mal eine Patientin. "Nein, ich bin Ihr Arzt", antwortete ich. Natürlich ist das erniedrigend. Wütend machen mich solche Begegnungen aber nicht. Sie machen mich traurig. Beim ersten Mal war ich verunsichert und spürte, wie die Hilflosigkeit in mir aufstieg. Heute schlucke ich das hinunter.

Ich bin als Tamile in Sri Lanka geboren. In meiner Kindheit herrschte dort Bürgerkrieg. Die Schulen waren geschlossen, also verkaufte ich Obst an einem Straßenstand. Ich war zwölf Jahre alt, als meine Mutter mich zum Flughafen brachte und einem Schleuser übergab. Acht Monate dauerte meine Flucht nach Deutschland. Dabei lernte ich, mich zu beherrschen. An den Grenzübergängen durfte ich nicht weinen, sonst wäre ich aufgeflogen. Das hilft mir heute im Umgang mit schwierigen Patienten. Erinnere dich, wo du herkommst, denke ich mir, wenn ein Patient mich ignoriert.

Als ich noch in Sri Lanka lebte, starb meine Schwester an Nierenversagen. Eine bessere ärztliche Versorgung hätte sie retten können. Deshalb wollte ich Medizin studieren. Bald habe ich meine Facharztausbildung abgeschlossen, dann werde ich Herzchirurg sein. Ich versuche die Abweisungen als Herausforderung zu verstehen, als einen Stolperstein auf dem richtigen Weg.

Am nächsten Morgen stand ich wieder vor Herrn Claussens Bett. Tag um Tag besuchte ich ihn zur Visite. Er mied meinen Blick. Doch ich wollte, dass er mich kennenlernt. Also erklärte ich ihm jedes Medikament und jeden Eingriff, suchte passende Reha-Kliniken für ihn heraus und zeigte ihm Übungen, die seine Genesung förderten. Am Tag seiner Entlassung griff er an meine Schulter. "Du bist ein guter Junge", sagte er.

Wenn Sie in unserer neuen Rubrik berichten möchten, "Wie es wirklich ist", melden Sie sich bei uns: wirklich@zeit.de

Protokoll: Lisa McKinn