Aus Hitlers Linzer Sammlung: "Porträt zweier junger Damen" von Franz von Stuck, 1888 © Van Ham Kunstauktionen / Saša Fuis

Ende dieser Woche wird im Kölner Auktionshaus van Ham ehemaliges Diebesgut verkauft. Dass es sich um Gestohlenes handelt, steht bei dem kleinen Ölgemälde mit den beiden Mädchen in weißen Kleidern zweifelsfrei fest. In der Datenbank, die das Deutsche Historische Museum in Berlin zu Adolf Hitlers sogenannter Linzer Sammlung aufgebaut hat, ist es unter der Nummer 3390 verzeichnet – mit der Information: "Verlust (aus Münchner Depot gestohlen)".

Die Geschichte dahinter: Eine Woche vor Kriegsende hatten Unbekannte die Keller unter dem sogenannten Führerbau am Münchner Königsplatz geplündert. Gelagert waren dort weit über 1.000 Kunstwerke, darunter solche, die für das von Hitler geplante Museum in Linz an der Donau gekauft, gestohlen und erpresst worden waren.

Bei den Tätern im zerstörten München handelte es sich um Bürger, Soldaten, Spediteure, die in dem Repräsentationsgebäude nicht nur Kunst, sondern auch Möbel, Alkohol und – wie die Kunsthistorikerin Iris Lauterbach rekonstruierte – sogar Toilettenschüsseln mitnahmen. Viele Bilder hängen nach Einschätzung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte wohl heute noch in bayerischen Wohnstuben. Gelegentlich taucht eines davon im Kunsthandel auf.

So wie jetzt das Gemälde Zwei Mädchen von Franz von Stuck. Am 17. November will das Auktionshaus van Ham das 48 mal 55 Zentimeter große Bild auf Pappe versteigern – aus "Kölner Privatbesitz" und mit einem Schätzpreis von 20.000 bis 30.000 Euro. Über die Geschichte des Werks gibt der Katalog keine Auskunft. Man habe bewusst darauf verzichtet, sagt Van-Ham-Inhaber Markus Eisenbeiss, um nicht das falsche Publikum für ein Bild aus Hitlers Sammlung zu interessieren. Zur Herkunft des Gemäldes sei intensiv geforscht worden. Mehr als der Name des Duisburger Juristen Walther Schnabel, von dessen Eltern es für 15.000 Reichsmark vom NS-Staat gekauft worden war, sei nicht herausgekommen.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Bundesrepublik Deutschland es dem Auktionshaus sogar schriftlich gab, dass sie keinerlei Ansprüche auf das Bild erheben werde. In der Vergangenheit war das Gegenteil die Regel, wenn Werke aus der Linzer Sammlung auftauchten. Nicht nur aus juristischen Gründen, weil die Bundesrepublik die Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reichs und damit auch Eigentümerin von Hitlers Bildersammlung ist. Auch weil man bislang die moralische Verpflichtung erkannte, nach Vorbesitzern zu suchen – schließlich waren ihnen die Kunstwerke nicht selten gestohlen oder abgepresst worden waren, klassische NS-Raubkunst also.

Im Fall des Stuck-Gemäldes teilte das dem Bundesfinanzministerium nachgeordnete Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV) mit, es wolle keinen Herausgabeanspruch geltend machen, weil er sich nicht durchsetzen lasse. Das Auktionshaus hatte der Behörde vorher mitgeteilt, die aktuellen Einlieferer hätten das Bild 1981 privat angekauft und damit nach Paragraf 937 BGB ersessen. Bislang hielten dünne Erfolgsaussichten den Staat aber nicht davon ab, Ansprüche zu formulieren.

Damit scheint nun Schluss zu sein. Auch wenn das BADV auf Anfrage mitteilt, es handele sich um eine Einzelfallentscheidung. Der Grundsatz, dass das frühere Reichsvermögen Bundesvermögen wurde, werde nicht infrage gestellt. Ganz gleich, ob die Zwei Mädchen nun erfolgreich versteigert werden oder an den Besitzer zurückgehen – möglichen Opfern eines Nazi-Kunstraubs würde das Bild entzogen. Potenzielle Käufer aus den USA, Großbritannien und einigen anderen Ländern hätten an dem Erwerb ohnehin wenig Vergnügen: Anders als in Deutschland können sie dort an gestohlenem Gut kein Eigentum erwerben. Das Gemälde wäre jederzeit von Beschlagnahme bedroht.

Dass sich die Einstellung des Bundesfinanzministeriums gegenüber potenzieller NS-Raubkunst geändert zu haben scheint, belegen zwei ähnlich gelagerte Fälle aus der jüngeren Vergangenheit. Das Ministerium wurde auch bei einem im Wiener Auktionshaus Im Kinsky angebotenen, zweifelsfrei als Raubkunst identifizierten Männerbildnis von Bartolomeus van der Helst nicht aktiv.

Und bislang auch nicht bei einer Bergpredigt von Frans Francken, einem Bild, das die Erbinnen des ehemaligen Entwenders verkaufen wollen und das sich zurzeit im Münchner Auktionshaus Neumeister befindet. Diese ebenfalls aus dem Führerbau stammende Tafel wurde von Neumeister-Inhaberin Katrin Stoll in Absprache mit den Einlieferern zunächst nicht versteigert, obwohl sie ihnen das Oberlandesgericht München als "ersessen" zugesprochen hatte.

Für Hitlers Linzer Sammlung angekauft hatte das Bild der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt im besetzten Paris. Zurzeit ist es in der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters angeregten Gurlitt-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen. Auch die Bergpredigt könnte aber, wenn der Bund nicht tätig wird, bald wieder in Privatbesitz verschwinden. Die von vielen dringend geforderte "faire und gerechte Lösung" auch für private Besitzer verdächtiger Bilder – etwa durch präventiven Ankauf durch den Bund – scheint weiter entfernt denn je.