Ja!

Die Kirche ist kein Armenhaus, sagt Wolfgang Thielmann. Sie darf auch schön sein. Und ohne Feier keine seelische Erhebung

Feiern macht uns stark. Das ist eine Idee des Christentums: Arbeiten ist gut, feiern ist besser. Denn durch Feste kommen wir zu uns selbst und nehmen mit allen Sinnen wahr, dass wir mehr sind als unsere Leistung und unser Vermögen. Im Alltag müssen wir sparen, an Festtagen können wir verschwenden.

Es geht nicht um Prunk und Protz, sondern um Großzügigkeit. Der eigentlich fromme Gedanke ist in die Weimarer Reichsverfassung eingewandert und von da wortwörtlich ins Grundgesetz der Bundesrepublik übernommen worden: Feiern dient der Ruhe und der seelischen Erhebung. Das Grundgesetz stellt deshalb heute Sonntage und Feste unter Schutz. Das gibt es in keiner anderen Verfassung der Welt. Bis auf drei Feiertage in Deutschland stammen alle aus dem Erbe der Kirchen. Keine andere Religion feiert so viel. Trotz der vielen Feste – oder gerade deswegen – ist Deutschland wirtschaftlich stark. Und deshalb darf Kirche auch mal teuer sein!

Bislang schien gerade der Protestantismus ein Problem mit dem Feierlichen und Verschwenderischen zu haben: Er steht im Ruf, die fleißige, aber sauertöpfische Variante des Christentums zu sein. Er ist nach Meinung seiner Verächter noch im Gottesdienst auf Nutzen und Ertrag aus: Nicht das heilige Spiel der Liturgie steht im Mittelpunkt, sondern der geistige Nährwert der Predigt. Der Soziologe Max Weber, der im frühen 20. Jahrhundert den Begriff der protestantischen Arbeitsethik prägte, hat diese Frömmigkeitsauffassung der Protestanten als "innerweltliche Askese" beschrieben.

Und wirklich. Protestanten fragen sich, bei dem, was sie tun, sehr schnell: Was würde Jesus dazu sagen? Das klingt unentspannt. Aber dieses Jahr hat sich die evangelische Kirche auf ihre gar nicht so asketischen Ursprünge besonnen. Martin Luther selbst, der vor 500 Jahren mit seinen Thesen die Reformation auslöste, gab nämlich in seinem wichtigsten Lied die Parole aus: "Lasst uns fröhlich springen". Ganz in diesem Sinne hat die evangelische Kirche 2017 ein großes und entspanntes Fest gefeiert. Vergnügt! Erlöst! Befreit! Luthers Kirche hat sich selbst daran erinnert, dass jeder Mensch mehr ist als die Summe seiner Taten und Untaten. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, dass er etwas nicht ist und nicht kann. Gott nimmt ihn an, wie er ist. Das ist die fröhliche Botschaft des Protestantismus. Und die tat gut, nicht nur der Lutherstadt Wittenberg, auch der Gesellschaft.

Natürlich ist die evangelische Kirche beim Feiern auch mal übers Ziel hinausgeschossen. Sie hatte zum Beispiel eine teure "Weltausstellung der Reformation" organisiert, die "nur" von 300.000 Menschen besucht wurde, viel weniger als erwartet. Vor allem wegen dieser Ausstellung sitzt die Kirche jetzt auf einem Defizit von zehn, vielleicht zwölf Millionen Euro. Wie vielen Armen hätte sie dafür helfen können! Wie viel Gutes tun! Was würde Jesus dazu sagen?

Die Bibel erzählt: Als eine Frau Jesus bei einer Feier ein sündhaft teures Duftöl über die Füße goss, da genoss er die Geste. Und er nahm die Frau vor der Frage nach dem Geld in Schutz, sagte den Jüngern: Die Armen habt ihr allezeit bei euch, aber mich habt ihr nicht allezeit bei euch!

Was lernen wir daraus? Nicht die Feste sind das Problem, sondern der kirchliche Alltag. Das Problem sind nicht nur katholische Bischöfe, die das Geld ihres Bistums für sich selbst zweckentfremden, wie etwa in Limburg für die berüchtigte Designerbadewanne. Das Problem sind auch Kirchen, denen die stabile Konjunktur jedes Jahr mehr Kirchensteuern in die Kassen spült – 2016 waren es elfeinhalb Milliarden Euro – und die trotzdem nicht zukunftsfreudig und innovativ sind. Die über dem Steuergeld vergessen, dass ihnen jedes Jahr mehrere Hunderttausend Mitglieder weglaufen. Eine ganze Großstadt!

Das Problem sind aber nicht feiernde Christen, die zu Kirchentagen und Festivals zusammenkommen und die genießen, dass sie viele sind. Wenn sie bei solchem Feiern ein paar Millionen Euro weit über die Stränge schlagen – so what! Nur Krämerseelen verderben uns feiertags die Laune. Seelische Erhebung darf auch etwas kosten. Denn Feiern macht uns stark.

Wolfgang Thielmann