Rico ist ein tiefbegabtes Kind, sein bester Freund Oskar ein Oberschlaumeier. Die beiden wohnen in einem Haus in Berlin, der Dieffe 93. Am Vormittag des 24. Dezember sind die Freunde losgezogen, um letzte Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Auf dem Weg bekommen sie einen Vorgeschmack auf einen Schneesturm, der bald die Stadt lahmlegen wird. Im Kaufhaus trennen sich die Jungen. Was Oskar sucht, weiß Rico nicht, dafür umso genauer, was er will: Ricos Mama ist schwanger, und damit das neue Kind gut in der Welt landet, braucht es etwas ganz Besonderes ...

Ein paar Minuten und vier Rolltreppen später stand ich wohlgenährt und gut gelaunt in der Sportabteilung im Dritten. Ich wusste hundertprozentig genau, was ich wollte, nur der Verkäufer machte es mir unnötig schwer. Er sah nett aus – jung und sportlich, mit schwarzen Haaren und superweißen Zähnen, aber wie sich herausstellte, war er leider ein bisschen schwer von Begriff.

"Einen Schwimmreifen?", wiederholte er. "Fürs Hallenbad?" – "Sind das andere als die fürs Freibad?" – "Nein. Also fürs Freibad? Für den Sommer?" – "Nein. Für jetzt. Für ein Baby." – "Ein Baby? Dann soll es ein kleiner Schwimmreifen sein?" – "Der kleinste, den es gibt." – "Wie alt ist denn das Kind?" – "Noch gar nicht. Es schwimmt noch im Obstwasser." – "Entschuldigung?"

Na bitte. War ja klar, dass es kompliziert würde, sobald die Zwischenfragen kamen. Ich hatte gehofft, wenn ich einfach sagte, einen Schwimmreifen, bitte, käme ich gut aus der Sache raus. Aber jetzt ging das mit der Erklärerei los. "Das Baby ist mein Bruder oder meine Schwester", sagte ich langsam und deutlich. "Es ist noch in meiner Mutter, im Bauch. Da kommt es erst in drei Wochen oder so raus." – "Und dann willst du gleich mit ihm ins Schwimmbad?" Jetzt lächelte der Verkäufer, aber es war nur sein übliches Verkäuferlächeln. "Weißt du, Babys können ganz gut allein schwimmen, ohne Hilfsmittel. Sobald sie auf die Welt gekommen sind –" – "Es ist aber nicht dafür, wenn es auf der Welt ist. Es braucht den Schwimmreifen jetzt!" Das Verkäuferlächeln wurde wieder ausgeknipst. "Wozu denn?" – "Für die Geburt."

Seit Mama mir erzählt hatte, dass sie schwanger war, hatte ich mir tausendmal vorgestellt, wie so eine Schwangerschaft für ein nagelneues Baby aussieht: Zuerst sitzt es schön gemütlich auf einem kleinen Floß im Bauch, mit ordentlich Platz überall, und es guckt über ein großes Meer. Vom blauen Himmel hängt eine Art Leitung runter, das ist die Nabelschnur, da kommt Mutterkuchen durch – den gibt es wirklich, und er heißt auch so. Je größer das Baby wird, umso enger wird es im Bauch, und selbst wenn man Kuchen sehr mag, hat man den irgendwann auch mal über. Irgendwann will das Baby deshalb da raus, also springt es vom Floß in das große Obstwasser und – "Fruchtwasser!", rief der Verkäufer. Er stieß einen Ton aus, der wie ein kleines Gackern klang. "Ich hau mich weg – du meinst Fruchtwasser!" – "Sag ich doch." – "Du hast Obstwasser gesagt. Obstwasser ist Alkohol!" – "Meine Mama trinkt keinen Alkohol. Das wäre schädlich für das Kind."

Der Kopf des Verkäufers war rot geworden. Das wird meiner auch, wenn ich was nicht verstehe, obwohl jemand sich Mühe gibt. Ich fand trotzdem, er könnte sich weniger anstellen. Er war ja schließlich irgendwann selber mal auf die Welt gekommen. "Gut, ist ja auch egal", unternahm er einen neuen Versuch. "Den Schwimmreifen braucht das Baby also ..." – "... für die letzten Meter bis zu seiner Geburt! Oder haben Sie schon mal ein Kind auf einem Floß aus dem Mutterleib kommen sehen?" – "Nein." Er guckte mich listig an. "Aber auch noch keins in einem Schwimmreifen."

Mann, Mann, Mann! Vielleicht sollte ich ihn ins Förderzentrum einladen. Da könnte der Wehmeyer (Ricos Lehrer ) ihm rücksichtsvoll erklären, dass Mitdenken offenbar nicht zu seinen Stärken gehörte. Er hatte Glück, dass außer mir keine Kundschaft da war, die ihn teilnahmsvoll angucken konnte.

"Den Schwimmreifen gibt das Baby am Ausgang natürlich ab", erklärte ich geduldig. "Es braucht ihn dann ja nicht mehr. Haben Sie welche mit Weihnachtsmuster?" Er lächelte wieder, und diesmal war es kein Verkäuferlächeln, sondern ein echtes. "Ich kann dir zeigen, was wir dahaben. Aber mit Weihnachtsmotiven – sollte mich wundern. Ein Schwimmreifen ist ja mehr so ein Sommerdings." – "Mein Bruder oder meine Schwester aber nicht. Das wird ein Winterkind." – "Na, komm, wir sehen einfach mal nach." Er war eigentlich doch sehr nett.

Ich folgte ihm zu einem Regal mit lauter kleinen Päckchen drin. Die Auswahl war nicht besonders groß, aber dafür musste ich auch nicht lange suchen. Ich nahm einen hellgelben Reifen mit dunkelgrünen, niedlichen kleinen Fröschen drauf. "Soll ich ihn dir verpacken lassen?", bot der Verkäufer an. "Nein, danke, das mache ich zu Hause selber." Er gab mir aber eine hübsche kleine Tasche mit bunten Sternchen drauf dazu, dann wünschten wir uns gegenseitig frohe Weihnachten und eine unkomplizierte Geburt, und ich ging. Ha! Mission erfüllt.

Auszug aus Andreas Steinhöfels Buch "Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch"; mit Bildern von Peter Schössow; erschienen im Carlsen Verlag 2017; ab 10 Jahren