Im Science-Fiction-Klassiker Planet der Affen begegnen Menschen anderen Primaten. Auch diese werden von Menschen gespielt – Akteure hinter tollpatschigen Affenmasken. Als der Film gedreht wurde, im Jahr 1967, ereignete sich in den Drehpausen Erstaunliches. Die Schauspieler, noch in ihren tierischen Kostümen, setzten sich zum Mittagessen säuberlich nach Arten getrennt: Hier löffelten die Schimpansen ihre Suppe, dort die Gorillas.

Niemand hatte den Schauspielern aufgetragen, sich abseits des Sets, außerhalb der Filmszenen, nach der jeweiligen Spezies zu separieren. Aber offenbar reichte das Rollenspiel vor der Kamera aus, um in den Köpfen der Mimen ein Gefühl zu entwickeln, das Bestand hatte: hier "wir", dort die anderen, "sie".

Das Bewusstsein, dass es ein "wir" und ein "sie" gibt, eine eigene zusammengehörige und eine andersartige Gruppe, ist die Keimzelle für eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, deren Hintergründe und Auswirkungen der US-amerikanische Neurobiologe Robert Sapolsky in seinem neuen Buch beschreibt. Das Lunchverhalten der Filmprimaten mag bloß eine lustige Anekdote sein, aber zeigt eine Neigung, die sich im Lauf der Evolution in Genom und Geist verankert hat. In anderen Kontexten haben diese Gruppen- und Gesellschaftsdynamiken schwerere Konsequenzen. Aus diesem Grund fragt sich Sapolsky nicht nur, warum sich der Hollywood-Gorilla lieber neben den artidentischen Kollegen setzt, sondern wie es zu Stammesdenken und Krieg kommt. Oder umgekehrt: zu Freundschaft und Frieden.

Sapolsky ist auch Primatologe – und ganz offensichtlich Universalgelehrter. Das erklärt, warum er es mit Gewalt und Mitgefühl (Behave im amerikanischen Original) auf mehr als 1.000 Seiten bringt. Beim Versuch, menschliches Verhalten zu erklären, in Situationen, in denen das "Ich" nicht alleine ist, gelang ihm das wohl umfassendste Werk, das sich je dem Zusammenleben der Menschen gewidmet hat: kaum eine Wissenschaftsdisziplin, die Sapolsky nicht Inhalte geliefert hätte, um die ganze Palette aggressiven Handelns abzuarbeiten, von Mobbing bis Genozid.

Wir gegen sie ist das zentrale Kapitel im Buch. Es macht deutlich: Wo immer ein "wir" einem "sie" begegnet, kommt es unter der Schädeldecke zur Reaktion – mal einfühlsam, mal aggressiv, mal mit größerer Beteiligung des Orbitofrontalen Kortex, mal unter der Ägide der Amygdala. Die Gruppendynamik unter den Planet der Affen-Schauspielern entzündete gerade mal die unterste Stufe der Eskalation. Diese Light-Version der Abgrenzung ist noch weit entfernt von Ablehnung, Hass, Gewalt, Krieg.

Was vor einer Tat im Kopf passiert, welche Reize über hormonelle Regelkreise die zuständigen Gehirnareale stimulieren, das erklärt Sapolsky Schritt für Schritt. Die Sekunde davor, die Stunde, die Tage – und noch weiter geht es zurück, zu den Einflüssen vorgeburtlicher Prägung und evolutionärer Hintergründe. Teile kann die Biologie erklären, andere die Psychologie: Auch diese uralte Debatte um die Frage, ob Veranlagung oder Umwelt den Menschen prägt (nature versus nurture), führt Sapolsky gründlich. Fazit: Der Beitrag einzelner Gene ist verschwindend klein, aber "alle Verhaltensmerkmale werden (...) von genetischer Variabilität beeinflusst".

Eindeutige Antworten gibt Sapolsky keine. Weil es sie nicht gibt. Einzelursachen erklärt er für inexistent. Gewalt? – Auch sie ist, in ihren schrecklichen Ausprägungen, von Giftgas bis Atombombe, mitnichten grundsätzlich negativ oder wird von jedem Pazifisten abgelehnt. Wir hassen nur, glaubt Sapolsky, den falschen Anlass und "die falsche Art" von Gewalt.

Um den Leser in der Gewaltfrage zum Schwanken zu bringen, schildert er eine seit seiner Jugend wiederkehrende Fantasie: Einem bestimmten Typen möchte er die Augen aus dem Kopf schälen, die Zunge herausreißen, ihm etwas injizieren, was Krebs verursacht ... Beim Gegenüber handelt es sich um Adolf Hitler. Sapolsky ist gegen die Todesstrafe. Er befürwortet strenge Waffenkontrollen – steht aber dazu, manchen Menschen den Tod zu wünschen. Einst auf Kindergeburtstagen Fremde mit einem Laser abgeknallt zu haben und Gewaltorgien im Trashkino zu mögen gehört dazu.

Wie komplex und in jeder Faser uneindeutig die Materie seiner Untersuchungen ist, räumt Sapolsky gleich zu Beginn des Buches ein. Die Sache werde "teuflisch kompliziert". Ab und an hält er es sogar für nötig, sich auf einer Metaebene direkt an den Leser zu wenden, bevor dieser womöglich bei der Lektüre die Nerven verliert. Wem etwa die Endokrinologie nicht vertraut sei, dem legt Sapolsky eine Einführung in Anhang 2 ans Herz. Nach einem überstandenen Kapitel kann er schon mal Streicheleinheiten verteilen: "Zu guter Letzt sind Sie (und ich!) ans Ende dieses entsetzlich, aber notwendigerweise langen Kapitels gelangt."

Zum Glück ist Sapolsky ein begnadeter Autor. Das bewies er bereits 2001 mit Mein Leben als Pavian: Neurologie und Stressforschung erzählt er als actionreiche Soap-Opera am Beispiel einer kenianischen Affenhorde. Mit dem vorliegenden Buch bohrt er ein deutlich dickeres Brett. Trotzdem gelingt es ihm, den Leser mit sicherer Hand durchs fast endlose Fachbegriffsdickicht zu führen, indem er ihm zur Verdeutlichung und als Zückerchen Anekdoten aus seinem eigenen Leben, kulturgeschichtliche Schmankerl oder Überraschungen aus der Statistik serviert.

Um etwa zu vermitteln, dass "nicht Armut", sondern "Armut inmitten von Überfluss" ein verlässlicher Vorhersagefaktor für Kriminalität sei, findet er eine "wunderbare Metapher für die Folgen sozialer Ungleichheit". Es sind Statistiken amerikanischer Fluggesellschaften zu Randale über den Wolken. Weist das Verkehrsmittel einen Erste-Klasse-Bereich auf, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Passagier der Economy-Class ausflippt, um das Vierfache. Die Rate verdoppelt sich, wenn die "Holzklasse"-Passagiere gezwungen sind, sich beim Einsteigen durch den privilegierten Bereich zu zwängen. Erst die Wahrnehmung von Ungleichheit führt bei Stress zu Kontrollverlust.

Am Ende dekliniert Sapolsky noch die Werte durch, die den Menschen behilflich sein könnten, Gewalt zu verringern. Konkrete Rezepte bietet Sapolsky klugerweise dennoch keine – die Ambivalenz ist überall. Weder hält der Wissenschaftler die Wissenschaft als Garanten für Moral hoch, noch verteufelt er als Atheist die Religion grundsätzlich. Schließlich gibt es Religionen, in denen Gewalt dem Gläubigen den Weg ins Paradies ebnet. In anderen Glaubenssystemen aber führt sie direkt in die Hölle.

Sapolskys Zurückhaltung ist nachvollziehbar. Nicht zuletzt deshalb, weil unsere Primatenspezies sehr weit davon entfernt ist, ihr Gewaltproblem in den Griff zu kriegen.

Robert Sapolsky: Gewalt und Mitgefühl. Die Biologie des menschlichen Verhaltens; a. d. Engl. v. Hainer Kober und Antoinette Gittinger; Hanser, München 2017; 1024 S., 38,– €