Durchschlagender können sich Popkultur und der Kampf gegen den Sexismus wohl kaum verbinden: Die israelische Schauspielerin Gal Gadot hat ihren erneuten Auftritt in der erfolgreichen Superheldinnen-Saga Wonder Woman an eine Bedingung geknüpft – die Firma von Brett Ratner, einem mehrfach des sexuellen Missbrauchs bezichtigten Regisseur und Produzenten, müsse das Filmprojekt verlassen. Whooooammmm! Wonder Woman, die Amazone mit ihrem in den US-amerikanischen Nationalfarben gehaltenen Rüstungsbustier, kämpft auf der Leinwand gegen den Kriegsgott Ares und kickt im wirklichen Leben einen mutmaßlichen sexuellen Erpresser aus Hollywood heraus.

Die Offensive der Schauspielerin ist Teil der psychosozialen Implosion einer von immer neuen Vorwürfen und Skandalen erschütterten Unterhaltungsindustrie. Doch nicht immer liegen die Dinge so klar auf der Hand wie im Falle von Brett Ratner, der nun selbst erfahren muss, was es bedeutet, in Hollywood der (Super-)Macht des anderen Geschlechts ausgesetzt zu sein.

Längst hat sich die Diskussion von den Beschuldigten auf ihre Arbeiten ausgedehnt, wird die uralte Frage nach dem Verhältnis von inkriminierten Künstlern und ihren Kunstwerken neu gestellt. Verändert sich der Blick auf Kevin Spaceys Machtmenschen in House of Cards? Ist Quentin Tarantinos Film Pulp Fiction aus dem Kino-Olymp gefallen, weil er von Harvey Weinstein produziert wurde? Oder weil Tarantino von Weinsteins Übergriffen wusste, aber noch Jahrzehnte stillschweigend weiter mit ihm arbeitete? Versucht sich die Industrie bestimmter Kunstwerke aus moralischen oder aus kommerziellen Interessen zu entledigen? Und anderer nicht – nach der Devise "Andere Zeiten, andere Sitten"? Schließlich besteht kein Zweifel daran, dass Alfred Hitchcock die Karriere der Schauspielerin Tippi Hedren zerstörte, nachdem sie sich während der Dreharbeiten zu Die Vögel und Marnie gegen seine sadosexuellen Übergriffe gewehrt hatte.

Ganz klar: Die Sexismus-Diskussion ist notwendig und überfällig. Der aktuelle Fall des Stand-up-Comedians Louis C.K. zeigt aber auch, dass sie sich vom eigentlichen Schauplatz wegbewegen kann, was niemandem und schon gar nicht den Opfern hilft: In einem Artikel in der Los Angeles Times klagen vier Frauen den Komiker an, vor ihnen masturbiert zu haben, eine erklärte, sein übergriffiges Ansinnen abgewiesen zu haben (offenbar hatte er alle Frauen zumindest vorher gefragt). Louis C.K. ist ein genialer, subversiver Komiker, die wandelnde, anarchische Selbstreflexion des dicklichen, hässlichen, selbstgewissen weißen Mannes. Schwer zu sagen, ob C.K.s Bühnen-Ich, das auch auf obsessiver Masturbation beruht, nach den Enthüllungen überhaupt noch satirisch funktionieren kann. Und ob der salopp überspitzte Satz einer weiblichen Figur von Daddy, I Love You nun anders zu lesen ist: "Ich bin pervers, ihr seid pervers, wer schert sich drum?"

Die Frage, ob man sich beim Betrachten des Films um das extreme Sexualverhalten von dessen Autor scheren will oder muss, kann sich das Publikum nicht mehr stellen. Der Verleih von Daddy, I Love You hat die Premiere abgesagt und angekündigt, den Film nicht herauszubringen. Zudem entschied der Sender HBO, alle älteren Shows und Specials von Louis C.K. aus dem Online-Archiv zu nehmen. Delete. Erase. Aus den Augen, aus dem Sinn?

Man wird das Gefühl nicht los, dass der Umgang mit den immer neuen Enthüllungen zunehmend in Symptombekämpfung ausartet – die sich von einer wirklichen Auseinandersetzung mit sexistischen Verbrechen, Übergriffen, Mustern und ihrem Verschweigen entfernt. So Ridley Scotts Entscheidung, den Schauspieler Kevin Spacey aus seinem neuen Film Alles Geld der Welt herauszuschneiden. Spacey, dem mehrere sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, wird durch seinen Kollegen Christopher Plummer ersetzt. Niemand weiß, ob das Publikum den Film über die Entführung von Jean-Paul Getty junior boykottieren würde, weil Spacey die Nebenrolle von dessen Großvater spielt. Die Operation ist Ridley Scotts gutes Recht und mag der kommerziellen Eigenlogik von Hollywood folgen. Aber es scheint auch, als versuche hier eine Industrie, ihren banal-normalen, bis in die Grundfesten ihrer Repräsentationsmechanismen verankerten Sexismus überschießend zu kompensieren – in einer Art animistischen Rache am Kunstwerk. Schon wird in amerikanischen Internetkommentaren der Boykott von Kevin Spaceys früheren Filmen gefordert. Oder auch ihre Löschung von Streamingportalen. So als könnten uns diese Werke mit was auch immer infizieren.

Ein kleiner rezeptionstheoretischer Selbstversuch mit Spaceys Werk bringt Entwarnung. Nach 20 Stunden American Beauty, Die üblichen Verdächtigen, Nixon und Elvis, Beyond the Sea und House of Cards stellen wir fest: Keine Kevin-Spacey-Figur, kein Kevin-Spacey-Film wirkt anders. Zu sehen ist ein verstörend guter Schauspieler, der uns zu Beginn von American Beauty mit suggestiver Offstimme in den Film hineinzieht – und den Tod seiner Filmfigur ankündigt. Spaceys gefeuerter Angestellter Lester Burnham lechzt mit grandioser Armseligkeit der minderjährigen Freundin seiner Tochter hinterher. Am Ende wird er von einem latent homosexuellen Redneck erschossen, nachdem er dessen Umarmung abgewehrt hat.

Es ist verständlich, dass Spacey in der Serie House of Cards nicht weiter den amerikanischen Präsidenten Frank Underwood spielen kann – man stelle sich die Atmosphäre auf dem Set vor, die Zusammenarbeit mit Mitarbeitern, deren Vorwürfe gerade untersucht werden. Aber weshalb sollte man anders blicken auf Spaceys fiesen, manipulativen Präsidenten, der in der ersten Folge einen Hund erwürgt und in der zweiten Staffel mit seiner Frau und seinem Leibwächter ins Bett geht?

In dem Thriller Die üblichen Verdächtigen spielt Spacey einen Gangster, der den ihn verhörenden Polizisten und den Zuschauer mit einer frei erfundenen Erzählung zum Narren hält. Sein letzter Satz weist über den Film hinaus, in die tiefe Wahrheit der Unterhaltungsindustrie: "Der größte Trick, den der Teufel je gebracht hat, war, die Welt glauben zu lassen, es gebe ihn gar nicht."

Natürlich bedarf die Sexismus-Debatte der Fortsetzung. Aber nicht indem man Filme verschwinden lässt oder zerschneidet. Oder indem man im Zeichen von Puritanismus und Bigotterie agiert (gerade sorgt ein frivoler Geburtstagsgruß der lesbischen Komikerin Ellen DeGeneres an die Sängerin Katy Perry für neue Wallungen).

Vielleicht sollte man angesichts überschießender Entsorgungsfantasien einen Hauptschauplatz nicht vergessen: 1.600 Pennsylvania Avenue, NW, Washington. Über allem und jedem, von keinem Skandal und schon gar nicht von Hollywood zu verrücken, thront der hochrangigste Sexist des Landes. Donald Trumps Show lässt sich nicht löschen, und sein Film erzählt eine Geschichte, aus der sich weder die Hauptfigur noch ihre Dialogzeilen herausschneiden lassen: "Wenn du ein Star bist, lassen sie dich alles machen, du kannst ihnen an die Pussy fassen, alles." Darüber kann man schon verzweifeln. Oder durchdrehen. Oder überdrehen.