Vier Bilder aus der Stalin-Zeit: Das erste zeigt den Diktator mit drei Getreuen, das nächste nur mit zweien. Dann war es nur noch einer. Schließlich war Stalin ganz allein. Die Verfemten waren wegretuschiert worden – wie Leo Trotzki, der erst bildlich, dann physisch liquidiert wurde. An diese Geschichte, die sich in Maos China und in Nordkorea wiederholte, muss sich erinnern, wer heute im freien Westen nach Hollywood blickt.

Als "Frank Underwood" hätte Kevin Spacey die Höchststrafe verdient, mordet er doch schon zum Beginn von House of Cards zwei Menschen. Ihn à la Stalin aus sechs Staffeln zu schneiden geht auch mit der feinsten Digitaltechnik nicht. Also hat Netflix den Mann gefeuert und die Serie gekippt, weil er vor dreißig Jahren einen 14-Jährigen bedrängt und belästigt haben soll. Wie üblich meldeten sich nach der Enthüllung andere.

Wie praktisch, dass es noch einen fast fertigen Ridley-Scott-Film gab, Alles Geld der Welt. Scott wird ein paar Szenen neu drehen, Spacey durch Christopher Plummer ersetzen und ihn im Namen der Moral auslöschen. Die kennt keine Verjährung, setzt also Grapschen und Nötigung mit Mord gleich. Der Verdacht ist gleich Verdammnis, die Bezichtigung der Schuldspruch. Kurz ist manchmal der Schritt vom Rechtsstaat zum Totalitären.

Geschichte kann man nicht liquidieren. Die Sklaverei wird nicht ungeschehen machen, wer die Statuen des Robert E. Lee, des Südstaaten-Kommandeurs, niederreißt oder irgendwo versteckt. Die Afrikanische Straße in Berlin kann man umbenennen, doch der wilhelminische Imperialismus bleibt. Die Verbannung ersetzt nicht Vergangenheitsbewältigung durch Wissen und Einsicht.

Regisseure von Eisenstein bis Riefenstahl haben die Kunst in den Dienst des Totalitären gestellt. Die Aufgabe der Kunst sollte es dagegen sein, die herrschende Moral aufzuspießen – so wie es die große Literatur von Nathaniel Hawthorne bis Tolstoi und Flaubert getan hat. Hollywoods Selbstzensur, zumal aus Furcht vor Einnahmeverlusten, ist weder edel noch einer freien Gesellschaft würdig. Freilich waren die Studios nicht mutiger unter McCarthy, wo sie angebliche Kommunisten reihenweise auf die schwarze Liste setzten und Karrieren vernichteten.

Wie Hollywood funktioniert, zeigt der jüngste Fall. Mel "Lethal Weapon" Gibson wurde 2006 zur Unperson, nachdem er im Suff einen Polizisten mit antisemitischen Tiraden attackiert hatte. Er entschuldigte sich winselnd und ging ins Exil, wo er sich nach einem Rückfall in Reue und Läuterung übte. Dann gelang ihm 2016 ein Hit mit seinem Film Hacksaw Ridge. Hollywoods Bannfluch verflog im Geldrausch; die Bosse reißen sich wieder um ihn. Sein Daddy’s Home 2 hat gerade an einem Tag zehn Millionen Dollar eingespielt.

Money talks, Geld überzeugt, heißt es; Cash macht die Moral elastisch. Ob Spacey ebenfalls den Bannfluch lösen kann? Er kennt die Spielregeln. Sie fordern wie bei Gibson Buße und Zerknirschung, zum Beispiel massive Entschädigungszahlungen. Vielleicht gelingt das Comeback nach ein paar Jahren. Dennoch bleibt das Problem: die Vorverurteilung im Schatten nachgeholter Empörung und kommerzieller Interessen. Der Mann ist real gewisslich ein Schurke, nicht bloß in House of Cards. Bloß gilt der Rechtsstaat nur, wenn er auch Schurken einen fairen Prozess gewährt.