DIE ZEIT: Herr Stoch, alle paar Monate herrscht in der Republik große Aufregung, weil irgendwo eine Unisex-Toilette eröffnet wird oder Kita-Kinder über Sex aufgeklärt werden. Sie haben als Kultusminister der damaligen grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg den ersten dieser Kämpfe ausgefochten. Ihnen wurde vorgeworfen, einen sexualisierten Lehrplan durchsetzen zu wollen.

Andreas Stoch: Das Thema kam für mich aus heiterem Himmel. Ich wusste, dass es in den 1970er Jahren eine Debatte darum gab, wer Kinder aufklären sollte. Nur die Eltern? Auch die Schule? Aus meiner Sicht sind beide wichtig. Für mich war das aber durch.

ZEIT: Ein Missverständnis.

Stoch: Das wirkliche Missverständnis war, dass es nicht um Sexualkunde ging, sondern um einen neuen Bildungsplan, also um den Lehrplan für die nächsten Jahre. In dem wollten wir fächerübergreifend das Thema Toleranz verankern gegenüber nicht heterosexuellen Menschen. Es ging dabei nie um Sexualpraktiken, wie das von böswilligen Menschen unterstellt wurde.

ZEIT: Der Aufschrei galt einem Konzeptpapier.

Stoch: Dort listete ein Referent in Eigeninitiative auf, an welchen Stellen in welchem Fach Lehrer die sexuelle Vielfalt in den Unterricht einbringen könnten. Irgendwer gab das Papier aus einem Ausschuss an die Öffentlichkeit. Und die Lawine ging ab.

ZEIT: Ein Realschullehrer sammelte mit einer Online-Petition 200.000 Unterschriften gegen Ihre Pläne.

Stoch: Ein Evangelikaler aus pietistischem Umfeld. In der Petition wurde etwa behauptet, wir wollten Kinder zur Homosexualität erziehen. Völliger Blödsinn!

ZEIT: Die Kirchen haben offiziell verlautbaren lassen, dass das Arbeitspapier eine zu große Nähe zur schwul-lesbischen Lobby habe.

Stoch: Ich hatte unterschätzt, welche Bedeutung dieses Thema auch für manchen in den Kirchen hat. Aber ich war auch sauer! Die Kirchen wandten sich gegen "jede Ideologisierung". Als ob wir Ideologen wären! Das war aber nach einem Gespräch mit den Bischöfen abgeräumt. Die baten mich nur, klarer darzulegen, was wir vorhaben.

ZEIT: Dass Sie damals eingeknickt sind, dafür feiern sich die Gegner des Bildungsplans bis heute.

Stoch: Schön für die Gegner. Aber falsch. Was ich gemacht habe, war Folgendes: Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt fünf Leitprinzipien für den Bildungsplan definiert, das waren Kompetenzen, die fächerübergreifend vermittelt werden sollten. Ich habe das dann korrigiert und gesagt, wir machen aus den fünf Leitprinzipien sechs Leitperspektiven. Und die sechste heißt: "Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt". Und zwar nicht nur, was sexuelle Orientierung angeht, sondern in jeder Hinsicht.

ZEIT: Das ist doch eine völlige Verwässerung der ursprünglichen Idee!

Stoch: Nein. Wir hatten ja nie die Absicht, den sexuellen Aspekt zu überhöhen. Uns ging es um das Menschsein. Ein Mensch setzt sich aus vielen Wesensmerkmalen zusammen. Das kann seine sexuelle Orientierung sein, seine Hautfarbe, seine Religion, seine Behinderung. Das Einbetten der sexuellen Orientierung in diese Leitperspektive "Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt" hat auch den restlichen Kritikern, die da Dünkel hatten, dass sexuelle Vielfalt überhöht würde, den Wind aus den Segeln genommen.

ZEIT: In anderen Bundesländern, etwa in Hessen, haben die Landesregierungen solche Lehrpläne später ohne diese Kompromisse durchgebracht. Ärgert Sie das?

Stoch: Für mich war es kein Kompromiss, sondern das Ausräumen eines Missverständnisses. Manche Kollegen haben sich sicherlich den Prozess bei uns angeschaut, um ähnliche Irritationen zu vermeiden, wie sie uns zu schaffen gemacht haben.