Seit viele Frauen dem Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein vorwarfen, er habe sie sexuell belästigt, wird auch in Deutschland viel gestritten. Sexismus und sexuelle Gewalt seien alltäglich, heißt es auf der einen Seite. Die Frauen in Hollywood seien Einzelfälle, auf der anderen. Weitere Betroffene schildern unter dem Hashtag #MeToo Beispiele für Übergriffe, die oft am Arbeitsplatz geschehen, und zwar in allen möglichen Branchen. Selten waren bisher nur aktuelle Zahlen: Wie viele Frauen werden tatsächlich am Arbeitsplatz belästigt? Und was tun die Unternehmen dagegen?

Um da erste Antworten zu finden, verabredete die ZEIT nun eine Umfrage. Der Frauen-Karriere-Index, der regelmäßig die Aufstiegschancen von Frauen untersucht und Unternehmen berät, befragte zusammen mit der Komma Marktforschung 131 Personalverantwortliche, Geschäftsführer, Vorstände und Führungskräfte in großen, kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die Umfrage ist nicht repräsentativ, gibt aber dennoch einen Einblick.

Das wichtigste Ergebnis: Knapp ein Viertel der befragten Unternehmen erhält durchschnittlich mindestens einmal im Jahr eine Beschwerde wegen sexueller Belästigung. "Diese Zahl zeigt, dass das Thema leider sehr aktuell ist", sagt Barbara Lutz, Gründerin des Frauen-Karriere-Index.

Viele beschweren sich gar nicht

Nicht erfasst sind die Fälle, in denen sich die Betroffenen nicht beschweren. Die Fallzahl könnte daher deutlich höher liegen. So wie vor zwei Jahren in einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Damals gab jeder zweite der Beschäftigten, die befragt wurden, an, schon einmal selbst belästigt worden zu sein.

Dass es um existenzielle Fragen geht, zeigt ein anderer Aspekt der neuen Umfrage: In jedem fünften befragten Unternehmen wurde mindestens ein Mitarbeiter wegen sexueller Belästigung entlassen. Unter großen Unternehmen mit über 5.000 Mitarbeitern sind es sogar fast 40 Prozent.

Die meisten Fälle sexueller Belästigung kommen der Umfrage nach in Unternehmen ab 250 Mitarbeitern vor. Ausnahmslos alle kleinen Unternehmen mit weniger Personal haben demnach keine Informationen über solche Fälle.

Das könnte daran liegen, dass mit der Zahl der Mitarbeiter schlicht die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Mitarbeiter von einem Kollegen oder einem Vorgesetzten belästigt wird. Es könnte aber auch daran liegen, dass in größeren Unternehmen offener mit dem Thema umgegangen wird und mehr Mitarbeiter sich trauen, Beschwerde zu erheben. So haben laut der Umfrage mehr als 80 Prozent der Unternehmen ab 250 Mitarbeitern eine Anlaufstelle für sexuelle Belästigung, aber nur knapp 30 Prozent der kleinen Firmen.