Fußball ist ein Zweikampfsport, zumindest in Deutschland. Bayern gegen Dortmund lautet das immergrüne Duell um den Meistertitel. Lewandowski gegen Aubameyang, so heißt für gewöhnlich der Kampf um die Torjägerkanone. Neu sind seit dieser Bundesligasaison die Duelle Thomas Helmer gegen Jörg Wontorra sowie der Kampf von Wontorra II, der Tochter, gegen Moderator Patrick Wasserziehr um den jeweiligen Talk des Tages. Mehr noch, als man ihn spielt, wird der Fußball nämlich heutzutage besprochen.

Der Fan sieht sich inzwischen einer Schwemme von Talksendungen im Fernsehen gegenüber, ohne dass sich die Spiele und mithin der Gesprächsstoff im gleichen Maße vermehrt hätten. Auch deshalb werden die Shows oft zeitgleich und gegeneinander gesendet, der Inhalt braucht sich dann nicht groß zu unterscheiden. Die Methode folgt dem Infrastrukturprinzip deutscher Kleinstädte: Sobald gegenüber der Bäckerei ein Laden frei wird, zieht dort der nächste Bäcker ein.

Jörg Wontorra ist ein Altmeister des Fußball-Talks und als Rückkehrer der Saison so etwas wie der Jupp Heynckes des Fernsehens. Zwischen 2004 und 2015 moderierte er auf Sport1 (ehemals DSF) Doppelpass, die erste Sendung dieser Art. Dort diskutieren seit 1995 sonntagmittags Fachjournalisten, Altstars und sogenannte Experten mit weiteren Gästen über die aktuell wackelnden Trainerstühle oder neue Pressingtrends – einer zügigen Abreise wegen meist in einem Hotel am Münchner Flughafen, neuerdings vor einer kleinen Zuschauertribüne. Seit August tritt Wontorra nun gegen seinen Nachfolger Thomas Helmer an, den früheren Nationalspieler und Europameister. Der schoss einst für Bayern München das berühmte Helmer-Tor, auch Phantomtor genannt, weil es zählte, aber keines war. Ebenso knapp daneben wie damals zielt er heute bei seinen scherzhaften Einschüben, mit denen er seinen Gästen sonntags von 11 bis 13.30 Uhr permanent ins Wort fällt. Dem Publikum gefällt das. 980.000 sehen im Schnitt zu.

Wontorra moderiert auf Sky, allerdings auf dem frei zu empfangenden Kanal namens Sky Sport News HD – und damit nicht noch mehr Wörter gebraucht werden, heißt der Talk schlicht Wontorra. 140.000 Zuschauer erreichte er aus dem Stand. Als kleine Sottise gegen den Titel Doppelpass der Konkurrenz kündigt der Gastgeber zu Beginn jedes Mal an, "ausschließlich Steilpässe" zu liefern. Wontorra amüsiert das jedes Mal.

Einmal war der Fußballkommentator und Sprachakrobat Wolff-Christoph Fuss zu Gast, der dribbelte sich nach flachem Zuspiel fest. "Der HSV hebt einen 17-Jährigen auf die Sänfte, der das Schiff tragen soll", schimpfte Fuss, während sich der Zuschauer das arme Fußballtalent Jann-Fiete Arp vorstellte, um das es ging – mit dem Vereinstanker im Arm auf dem tragbaren Sessel.

Der Unterschied zu Doppelpass: Obwohl Sky der führende Live-Bundesligasender ist, verfügt es für diesen Sendeplatz über keine Rechte an bewegten Spielbildern. Nicht mal einzelne Tore werden gezeigt. Die sogenannten Drittausstrahlungsrechte hat Sport1. Dieses vermeintliche Handicap erweist sich für den Wontorra-Talk als großer Gewinn. Konkurrent Doppelpass, oft eine Aneinanderreihung vor- und zurückgespulter Spielszenen, die den Gästen zur Beurteilung vorgelegt werden, ist nämlich im Laufe der Jahre zu einer Lehrsendung für Schiedsrichter geschrumpft. Besser gesagt: zu einem Tribunal über die Unparteiischen. Im Kern geht es darum, ihnen Fehlentscheidungen nachzuweisen. Neu ist seit Einführung des Videobeweises: Auch die Fehler des Videoschiedsrichters werden unbarmherzig aufgespürt.

Die Ausnahme von der Regel: der vergangene Sonntag. Es gab keine Bundesliga, folglich keine Spielszenen und keine zu monierenden Schiedsrichterirrtümer. In seiner Not fragte Helmer den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel ernsthaft, ob es zu viel Fußball gebe. Die korrekte Antwort wäre gewesen: Nein, außer im Fernsehen.