Wir schreiben Geschichten. Und natürlich versuchen wir, gute Geschichten zu schreiben. Das kann nur gelingen, wenn wir alles investieren und uns an die Stellen trauen, wo es knirscht und wehtut. Wir müssen unseren Figuren nahe kommen und herausfinden, wie sie sich verhalten, wenn es um alles geht; in einer Situation, die sie durchschüttelt, umwirft, überwältigt. Und angesichts des Todes ergeben sich die spannendsten, tiefsten, bewegendsten Fragen an das Leben. Auch deshalb gräbt man als Geschichtenerzähler immer wieder an diesen Stellen. Wo der Boden in Bewegung ist. Wo Leute wanken. Wo die Platten der Story-Tektonik aneinanderschrammen.

Nicht dass jedes bewegende Buch den Tod zum Thema haben muss. Nicht dass jedes Buch, das den Tod zum Thema hat, automatisch gut ist. Aber kein Buch, das etwas kategorisch ausschließt, weil der Autor Kinder nicht überfordern will, wird überzeugen. Geschichten, die sich durch ein solches Verhätschelungsdiktat selbst beschneiden, können nie aufrichtig und wahrhaftig sein.

Jedes Kind wird irgendwann mit dem Tod konfrontiert sein, ob mit dem eines Haustieres, der Großeltern oder des Nachbarn der besten Freundin, vielleicht auch noch weiter entfernt in den Nachrichten oder vielleicht sehr, sehr viel näher. Immer wird dieses Ereignis mindestens Fragen aufwerfen, wenn nicht gar überwältigende Gefühle und Verwirrungen. Literatur kann begleiten, vorbereiten, stärken. Wer Kindern nur die heiteren Geschichten erzählt, beschützt sie nicht, im Gegenteil: Er nimmt ihnen eine Möglichkeit, zu lernen, zu wachsen, den Umgang mit Gefühlen wie Trauer zu üben, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen.

Ein trauriges Kind? Das macht uns fertig.

Vielleicht sind die Antworten genau das Problem. Stellen Kinder Fragen, haben nicht wenige Erwachsene das Gefühl, sie müssten antworten können. Die Großen sollen schließlich den Kleinen die Welt erklären. Was aber, wenn man selbst keine Antwort hat? Schwer auszuhalten für den Erwachsenen. Kinder haben damit kein Problem, sie verstehen die Welt nämlich permanent nicht.

Vielleicht steckt hinter dem Wunsch, Kinder vom Tod fernzuhalten, aber auch schlicht, dass viele keine traurigen kleinen Menschen ertragen. Ganz im Sinne steter Selbstoptimierung sind wir ständig bemüht, jedes als unnütz, anstrengend, kompliziert deklarierte Gefühl auszusortieren und abzuschaffen. Wir versuchen, unseren Kindern solche Gefühle abzutrainieren: Langweilt euch nicht, seid nicht traurig! Seid lieber produktiv, seid fröhlich, optimistisch und dauer-gut-drauf! Ein trauriges Kind? Das macht uns fertig. Vermutlich weil wir ja alle auch nur erwachsen gewordene Kinder sind, die nie gelernt haben, einen Umgang mit den ungeliebten Gefühlen zu finden. Und wer will schon konfrontiert sein mit Gefühlen, die sich der eigenen Kontrolle entziehen?

Wenn Kinderliteratur vom Tod erzählt, überfordert sie nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen. Die wollen den Tod aus der Kindheit heraushalten, weil sie es nicht aushalten, die beiden vereint zu sehen. Aber Kindheit ist kein Gutelauneland, in dem man, lachend hinter Schmetterlingen herjagend, durchs hohe Gras springt. Und Kinder haben, zumindest manche, zumindest manchmal, einen kopföffnend direkten, überraschend unvoreingenommenen Zugang zu Tod und Trauer.

Der Tod ist sicher. Der Zeitpunkt des Todes ist unsicher.

So wie Magnús, der Sohn eines Freundes. Zwölf Tage vor seinem fünften Geburtstag eröffnete er seinem Vater auf dem Nachhauseweg von der Kita ganz nebenbei, im Rauschen des Berliner Verkehrs, folgenden Plan: "Für meinen letzten Geburtstag, bevor ich sterbe, baue ich ein großes Kunstwerk aus Müll und Bonbons. Es gibt ein riesiges Fest, und alle Leute dürfen es anschauen. Ich schenke das Kunstwerk dem, der es am allerliebsten mag – jemand Junges, der noch ziemlich lange leben wird. Der darf dann an der Feder riechen, die ganz oben auf dem Kunstwerk drauf ist – und dann weiß er alle meine Geheimnisse."

Magnús’ Vater hat sich das danach notiert, um es nicht zu vergessen. Weil man als Erwachsener erstaunlicherweise manchmal von Kindern etwas über den Tod und den Umgang mit der Angst vor ihm und der Ohnmacht ihm gegenüber lernen kann. Wer für Kinder entscheidet, womit sie sich auseinandersetzen dürfen und womit nicht, unterschätzt sie gewaltig. Aber zum Glück lassen sie sich das meist ohnehin nicht vorschreiben.

Der Tod ist sicher. Der Zeitpunkt des Todes ist unsicher. Was wird von Bedeutung sein, wenn wir sterben? Darüber sollten wir mal mit unseren Kindern reden.