Mann und Frau, Yin und Yang, Plus und Minus – das Denken in Paaren ist so selbstverständlich wie das Ein- und das Ausatmen. Zwei Dinge aber sind jetzt passiert, die das infrage stellen.

Das Bundesverfassungsgericht verlangt, dass es Menschen, "die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen", künftig möglich sein soll, sich im Geburtenregister als etwas Drittes bezeichnen zu lassen: divers, inter, jenseits von Mann und Frau. Bis nächstes Jahr muss der Gesetzgeber sich überlegen, wie das Urteil zu einfachem Gesetz wird. Auf viele weitere Fragen aber hat die Gesellschaft noch keine Antwort: Wird es weiterhin im Sport nur Männer- und Frauenmannschaften geben? Welches Personalpronomen benennt die Intersexuellen, die weder er noch sie sind?

Und noch etwas Zweites ist passiert: Die Weltgesundheitsorganisation hat beschlossen, den internationalen Katalog der Krankheiten und psychischen Störungen zu ändern – ein Dokument, das mehr als 70 Prozent aller Psychiater weltweit als Richtlinie für ihre alltägliche Arbeit nutzen.

In der sogenannten ICD-11, die nächstes Jahr erscheinen soll, wird Transsexualität (also der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben) nicht mehr als psychische Störung pathologisiert. Bislang war dies dort beispielsweise neben Kleptomanie, dem Drang zu stehlen, gelistet.

Es wird von nun an nicht mehr als krank gelten, wer sich wie eine Frau fühlt, aber den Körper eines Mannes hat. Man wird kein Patient mehr sein, wenn man weiß, dass man ein Mann ist, aber aussieht wie eine Frau.

Das sollte insofern selbstverständlich sein, als Transgender keineswegs daran leiden, sie selbst, also trans, zu sein. Aber es ist insofern überhaupt nicht selbstverständlich, als die Rechte von Transpersonen auf Freiheit und Selbstbestimmung in vielen Ländern immer noch beschränkt werden. Sei es bei der Änderung gesetzlicher Dokumente, beim Sorgerecht, bei der Frage, ob sie Kinder bekommen und heiraten dürfen. Sei es, wenn es einfach darum geht, ihrer Arbeit nachzugehen oder eine Wohnung zu mieten. Die Unisex-Toilette, von der immer so viel die Rede ist, ist vermutlich noch das kleinste Problem der Betroffenen.

Die Einsicht, dass Transsexualität nichts ist, was man "heilen" müsste, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Gleichberechtigung. Nachdem Homosexualität 1992 aus der ICD als psychische Störung entfernt worden war, folgte in Deutschland 1994 die Streichung des Paragrafen 175, der bis dahin männliche Homosexualität unter Strafe gestellt hatte.

Eine Gesellschaft hat verschiedene Methoden, Tabus zu errichten: bestrafen, pathologisieren, ignorieren. In einer durchliberalisierten Zeit wie der heutigen ist das Mittel der Wahl, die Frage des Geschlechtes auf das Niveau der persönlichen Befindlichkeit zu reduzieren. Wer sich in den starren Kategorien von Mann und Frau nicht einfindet, trans, inter, queer ist, hat keine echten Probleme: So klingt Repression heute. Was nicht passt, wird als elitär, dekadent oder als übertrieben politisch korrekt diffamiert.

Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel nannte die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eine "abstruse genderpolitische Empfehlung", die vom "Souverän", dem Bürger, nicht legitimiert sei – offenbar in Unkenntnis der Funktion von Gerichten, die eben nicht Mehrheiten vertreten, sondern den Einzelnen schützen.

Die Frage stellt sich: Wo ist das Problem? Was ist so schlimm daran, wenn Menschen nicht in die Schublade passen, in die man sie stecken will?

Mann oder Frau, das ist für die meisten Menschen ein wichtiges Identitätsmerkmal. Wir erklären uns mit diesen fundamentalen Kategorien nicht nur die Ordnung der Welt, sondern auch unser Selbst. Dass sich jetzt die Grenzen auflösen sollen, ärgert vor allem diejenigen, die es mögen, wenn es sortenrein zugeht. Für sie war es keine gute Woche. Vielleicht hilft ihnen die Vorstellung, dass es nicht etwa um die Umprogrammierung der Gesellschaft durch missionarische Liberale geht. Sondern um Menschen, denen geholfen wird.