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Der eine der erste, der andere der (bislang) letzte Staatspräsident der Türkei.

Damit erschöpfen sich aber schon die Gemeinsamkeiten. Der eine gründete eine moderne laizistische Republik mit westlichen Werten, der andere höhlt seit fünfzehn Jahren diese Prinzipien aus: Parlamentarische Demokratie, Gewaltenteilung, Unabhängigkeit der Justiz, Meinungs- und Pressefreiheit setzt er aus und strebt danach, die gesamte Macht in seiner Hand zu konzentrieren.

Seit Atatürk verfügte niemand in diesem Amt über eine derartige Macht, seit Gründung der Republik hatte kein Präsident je die Mittel, das System im Alleingang zu ändern. Kein Politiker stellte je die unantastbare Staatsdoktrin des Laizismus infrage oder zog mit dem Koran in den Wahlkampf. Kein Regierungschef erlaubte sich je, das Gründungsduo von Atatürk und seinem Premier Inönü als "zwei Betrunkene" zu bezeichnen, wie Erdoğan es tat.

Von Anfang an war klar, dass er und die Kreise, für die er steht, Atatürk und dessen Reformen nicht geneigt sind. Die islamistische Bewegung hat nie verwunden, dass die Republik mit der Abschaffung von Sultanat und Kalifat die Bande zu den Osmanen kappte, die Religion von der Macht verdrängte und zur Gewissenssache machte. So blieb Erdoğan als Ministerpräsident zumeist unter einem Vorwand Atatürk-Gedenkveranstaltungen und Republikfeiern fern. Stattdessen wurden die Gegenkräfte befeuert. Laizistische Bildung wurde torpediert, islamistische dagegen gefördert. Die Beziehungen zu Europa wurden ausgesetzt, Symbole der westlichen Kultur, Skulpturen, Opern, klassische Musik verteufelt. Attacken gegen Atatürk und seine Statuen nahmen zu, die Aggressoren wurden geschützt. Lokalitäten mit Alkoholausschank wurden eingeschränkt, solche mit Geschlechtertrennung hingegen empfohlen. Kürzlich wurde ein Gesetz aufgelegt, das neben Standesbeamten auch Muftis zur Eheschließung befugt. Zugleich vermied es Erdoğan bewusst, den Namen Atatürk, der dem Republikgründer vom Parlament verliehen worden war, in den Mund zu nehmen.

Letzte Woche aber geschah Unerwartetes. Am 10. November, dem 79. Todestag Atatürks, sagte Erdoğan: "Lautet sein Name Atatürk, könnte nichts normaler sein, als dass wir ihn aussprechen. Wir dürfen ihn doch nicht dem Monopol faschistisch gesinnter, marxistischer Kreise überlassen." Mehr noch, seine Partei, bekannt dafür, dem Gedenktag im Weg zu sein, organisierte diesmal Busse zum Besuch des Atatürk-Mausoleums.

Bei der Basis, die den Namen Atatürk jahrelang gescheut hatte, löste die Wende einen Schock aus. Ein Teil der loyalen Medien vollzog sie hastig mit, zeigte sich "päpstlicher als der Papst" und rühmte Atatürk; der Rest wollte wissen, was da auf einmal los sei. Die Antwort kam aus der größten, einst von Atatürk gegründeten Oppositionspartei: "Erdoğans Sympathie kommt nicht von Herzen, sie rührt aus den Umfragen her ..." Und diese legen in der Tat nahe, dass Erdoğan keine Aussichten auf die bei den Präsidentenwahlen 2019 benötigten 51 Prozent hat. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Herzen jener Millionen zu gewinnen, die nach wie vor Atatürk verehren. Hinter der Wende steckt also Pragmatismus. Der Erfolg dieser Taktik ist höchst fraglich. Sie ist aber Zeichen von hoher symbolischer Bedeutung für die unerschütterliche Kraft Atatürks und des Laizismus.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe