Jemanden als den "Größten" in irgendetwas zu bezeichnen ist immer eine heikle Sache, und doch halte ich Philip Pullman für den größten Kinderbuchautor der letzten hundert Jahre. Ich würde nicht sagen, dass man bei Pullman auch die besten Plots findet, in dieser Hinsicht sind ihm J. R. R. Tolkien und Michael Ende wahrscheinlich überlegen. Was Pullman aber hat, ist eine unvergleichliche, von Intelligenz und Menschlichkeit getragene Stimme – die Stimme eines Menschen, der schon tausend Jahre auf dieser Welt gelebt hat und sie dennoch liebt.

In Interviews sagte Pullman, der Rhythmus der Sprache stehe für ihn an erster Stelle: "Ich weiß, wie der Satz klingen wird, bevor ich weiß, aus welchen Wörtern ich ihn baue." Dieser Ton, diese Textur des Schreibens ziehen den Leser in Pullmans Welt hinein, und ebendiese Stimme war es, die mich vor nun bald zwanzig Jahren nachhaltig berührte.

Ich las seine His Dark Materials- Trilogie erstmals als Teenager, verschlang sie wie im Fieber, jagte mit pochenden Fingerspitzen von Seite zu Seite. Natürlich liebte ich die wunderbar wilde und starke Heldin Lyra. Nicht dass es in Kinderbüchern nicht von knallharten Mädchen wimmeln würde, die sich mit Tritten und Pistolen ihren Weg durch ein Abenteuer bahnen – doch Lyra ist anders. Sie ist weniger im körperlichen Sinne stark als vielmehr im Kopf und im Herzen. Doch das wahrhaft Große an Pullmans Trilogie sind zwei Ideen – was würden die meisten Schriftsteller dafür geben, in ihrem Leben nur eine solche zu haben!

Die erste ist das "Alethiometer", ein kompassartiges Gerät, das die wenigen, die es zu entziffern lernen, in Vergangenheit und Zukunft blicken lässt. Aus Sicht einer Autorin war das ein Geniestreich: Das Alethiometer ist ein Plot-Generator, in den aber schon gewisse Beschränkungen eingebaut sind, die dafür sorgen, dass es für die Helden nie zu einfach wird.

Die zweite – womöglich noch bessere – Idee sind die animalischen Verlängerungen der Seelen aller Romanfiguren, die Pullman "Dæmonen" nennt. Bei Kindern können sich die Dæmonen aus freien Stücken verwandeln und in unterschiedlichen Tiergestalten auftreten. Mechanismen der Selbstdefinition – die Internatshäuser bei Harry Potter, die Fraktionen des Fantasybestsellers Die Bestimmung – haben in Kinder- und Jugendbüchern ungebrochene Kraft, und der von Pullman konstruierte Mechanismus ist von besonderer Eleganz: Niemand liest Der goldene Kompass, Band eins der ersten Trilogie, ohne sich zu fragen, was wohl sein eigener Dæmon wäre.

Zum ersten Mal traf ich Philip vor acht Jahren am All Souls College in Oxford, wo ich damals promovierte. Ich war 22 Jahre alt und hatte gerade mein zweites Kinderbuch geschrieben. Er bat mich, es ihm zu schicken, doch ich war viel zu eingeschüchtert, um seiner Bitte nachzukommen. Er musste sie schriftlich wiederholen. Wir trafen uns zum Tee, und wie er damals mit mir über den Freiraum sprach, den wir als Schriftsteller in der Kinderliteratur haben, um originelle und gewagte Dinge zu tun, das hat meine Vorstellung von diesem Raum der Möglichkeiten immens geprägt – viel stärker, als es ihm vermutlich bewusst ist.