Ziemlich bald an diesem Abend fühlt sich der Berichterstatter wie in einem Re-Enactment von Jacques Tatis Playtime. Das ist jener grandiose, sprachlose Film über den modernen Menschen, der dem Wesentlichen hilflos hinterherrennt, auf der Suche nach Liebe, Sinn und "Kunst".

An der Volksbühne werden heute alle zu Tati-Figuren. Jeder Korridor, jedes Foyer, jedes Treppenhaus tritt in Konkurrenz zum Rest des Gebäudes. Man irrt umher, stellt sich am Bierstand an, benimmt sich, wie es sich für ein Ausstellungspublikum gehört: immer im Gefühl, das Wesentliche finde anderswo statt. Bald kommt einem der Verdacht, man selbst, der Zuschauer, das Publikum, sei die Spielmasse, die hier bearbeitet, sei das eigentliche, breiig-szenische Material, das von den Theatermachern nicht ohne Hohn von hier nach dort geschleust wird – und der ganze Abend sei möglicherweise eine Versteckte-Kamera-Aktion, bei der bloß die Menschenströme aufgezeichnet werden, die durchs Haus fließen. Vielleicht ist Bewegung hier schon die ganze Kunst?

Chris Dercon zeigt an seinem ersten Abend in der Volksbühne, was ein Theaterbau unter seiner Leitung so alles sein kann: sakraler Ort, Discothek, Archiv, Museum, Wärmestübchen. Aber vor allem zeigt er, was sein Theater nicht sein wird: ein Haus, worin ein stabiles Ensemble ein Repertoire entwickelt, eine Zentralstelle erkennbarer künstlerischer Handschriften und Köpfe.

Die alte Volksbühne unter Castorf hatte etwas Festungsartiges, sie war wie ein finsterer Sackbahnhof, dem die einmal eingefahrenen Züge und Reisenden nicht mehr entkamen. Damit ist es vorbei. Die Dercon-Volksbühne ist eine durchsichtige, bis dato hohle Transferstation – ein Durchgangsbahnhof, in dem jeder Zug nur kurzen Aufenthalt hat und jeder künstlerische Passagier stolz darauf verweist, dass er gleich weiter muss. Es herrscht jetzt unter diesem Dach die Zufriedenheit der Weitgereisten, die nicht um ihre Reputation kämpfen, denn die haben sie längst anderswo erlangt.

Alles, was hier gezeigt wird, hat sich irgendwann an anderer Stelle schon behauptet. Dercons Auftakt ist, alles zusammengenommen, ein Rummel der Reprisen.

Walter Amsus, der 76-jährige deutsche Nachlassverwalter und Bestandswahrer Samuel Becketts, inszeniert drei Einakter seines irischen Meisters; Nicht Ich, Tritte und He, Joe. Er tut es ganz im ästhetischen Sinne Becketts, sodass diese drei Stücke, in Dunkelheit bei ausgeschaltetem Saalnotlicht gespielt, so wirken wie der Versuch, die Volksbühne als einen Bildspeicher, ein gigantisches Archiv der Theatergeschichte zu etablieren, aus dessen Tiefen versunkene Großszenen der modernen Dramatik problemlos hochgefahren werden können.

Becketts Nicht Ich ist ein Stück, geschrieben für ein Theater von der Größe und Stille eines Beichtstuhls: Man hört die Stimme einer Frau, die rastlos Gedankenfetzen artikuliert, und man sieht nur ihren sich im Rede- und Beichtzwang bewegenden Mund. Dieses Stück wird nun von Dercon ins maximale Format gezwungen: Man sieht, durch eine Öffnung im Vorhang, den Mund der Schauspielerin Anne Tismer, und das wirkt hier, im Volksbühnensaal, als sei dieser Mund eine Wunde, die vor aller Augen, auf dem Marktplatz, für eine groteske Operation vorbereitet wird. Ein Stecknadelspektakel auf großer Bühne.