Im Dezember 2015 suchte der Volkswagenkonzern einen Ausweg aus der schwersten Imagekrise, die je ein deutscher Autobauer erlebte. Der Skandal um manipulierte Abgaswerte erreichte gerade seinen Höhepunkt, als unter Federführung der Nachhaltigkeitsabteilung eine "Initiative für Transparenz und nachhaltige Mobilität" entwickelt wurde. Ein Vorschlag: Die mit Schweröl betriebene Frachtflotte, die Woche für Woche Tausende Neuwagen über den Atlantik transportiert, sollte teilweise ersetzt werden durch riesige neue Segelschiffe, sogenannte Ecoliner. Tausende Tonnen Treibstoff ließen sich so einsparen. Die Nachhaltigkeitsabteilung versprach sich davon ein "glaubwürdiges Leuchtturmprojekt", das "durch hohe Medienaufmerksamkeit und klassische Kommunikation eine breite Öffentlichkeit" erreicht. Eine Kampagne unter dem Motto "Wir haben verstanden. Wir denken weiter".

Ein Jahr später wird der Konzern das Projekt begraben. Nach Recherchen der ZEIT täuschten beteiligte Manager den eigenen Konzernvorstand an vielen Stellen, um das Vorhaben zu torpedieren. Das ging so weit, dass sie der zuständigen Reederei Döhle Verwicklungen in illegalen Waffenschmuggel nachsagten. "Der Vorstand konnte gar nicht anders, als dieses Projekt abzulehnen", sagt ein Teilnehmer der entscheidenden Sitzung.

Die Geschichte des Ecoliners passt zu einer internen Umfrage unter den Führungskräften von Volkswagen, die derzeit im Konzern zirkuliert. Ganze acht von 1.549 Topmanagern bezeichnen die Ehrlichkeit und Offenheit im Unternehmen als "ausgezeichnet", 211 hingegen halten sie für "schlecht". Insgesamt urteilen die Führungskräfte auf einer Skala von 1 bis 5 durchschnittlich mit 3,5 ("mäßig"), das sind schlechtere Werte als vor Bekanntwerden des Dieselbetrugs (siehe Grafik).

Die Umfrage ist ein Gradmesser für den Zustand in Europas größtem Industriekonzern. Die Umfrageteilnehmer entsprechen über 70 Prozent des aktiven Volkswagen Topmanagements.

Offenbar wurde selbst Konzernchef Matthias Müller von seinen Managern getäuscht

Das Ringen um die Ecoliner-Frachtsegler zeigt, wie ein solches Klima des Misstrauens wichtige Entscheidungen beeinflusst und wie selbst ein von vielen Beteiligten als überzeugend beurteiltes Projekt systematisch zerredet wird. All das geht aus E-Mails, Dokumenten und Präsentationen hervor, anhand derer sich nachzeichnen lässt, wie die Initiative scheiterte und wie offenbar sogar Konzernchef Matthias Müller darüber getäuscht wurde.

Die Gespräche über den Segelfrachter begannen noch unter dessen Vorgänger Martin Winterkorn. Im Oktober 2014 kam es zu Kontakten zwischen der Hamburger Firma Sailing Cargo und Volkswagen. Sailing Cargo ist ein Kooperationspartner der Hamburger Reederei Peter Döhle Schiffahrts-KG mit über 6.000 Mitarbeitern und 400 Containerschiffen.

Die neue Idee war, Autos mit einem riesigen Viermastsegler von Emden an die US-Ostküste und nach Mexiko zu bringen und von dort wiederum Autos aus den dortigen Werken nach Europa. Klassische Frachter laden bis zu 4.500 Autos. Anfangs sollten zwei Segler ein klassisches Frachtschiff ersetzen, der mit Schweröl betankt wird.

Kultur des Misstrauens

Im VW-Topmanagement ist Ehrlichkeit selten.

Quelle: Volkswagen Führungskräftebefragung im August 2017 © ZEIT-Grafik

Im Internet bewirbt der Hersteller die neuen Schiffe mit 170 Meter Länge und 74 Meter Höhe, von 5.000 Quadratmetern Segelfläche ist die Rede, von einem Antrieb durch Wind und einem Hybridmotor. Die Segler, heißt es in einem Imagefilm, könnten mit 12 bis 13 Knoten über die Meere segeln. Herkömmliche Frachter sind mit bis zu 17 Knoten unterwegs – und versauen das Klima.