Der Wirtschaftsminister der USA hat finanzielle Verbindungen zum engen Umfeld des russischen Präsidenten Putin? Es sind brisante Hinweise, die zu den Geschäften von Wilbur Ross in den Paradise Papers auftauchen, jenen vertraulichen Steuerunterlagen der Anwaltskanzlei Appleby, die derzeit international für Schlagzeilen sorgen. Doch sie können kaum überraschen, wenn man Ross und seine Methoden kennt.

Auf der Straße würde man an dem Mann vorbeilaufen, auf Partys ihn übersehen. Mit seiner Glatze, der randlosen Brille und der einschläfernden Sprechweise wirkt der 79-jährige Ross wie das blasse Gegenteil von Donald Trump. Aber es wäre ein Fehler, Ross und seinen Einfluss auf Trump zu unterschätzen: Er ist einer der engsten Vertrauten des Präsidenten und als Wirtschafts- und Handelsminister damit beauftragt, dessen Agenda "America first" umzusetzen.

Es waren nicht zuletzt Ross’ Geschäftspraktiken, welche die Blaupause für Trumps Wahlkampf lieferten: Ross, der Investmentbanker, der sich ausgerechnet die Unterstützung der Gewerkschaften sicherte, um noch reicher zu werden, war das perfekte Vorbild für Donald Trump, den Immobilienmogul aus New York, der zum Sprachrohr unzufriedener Arbeiter in der Mitte des Landes wurde. Die Geschichte von Ross’ Deals erzählt, wie das gelingen konnte.

Ohne Wilbur Ross wäre Donald Trump niemals Präsident geworden

Donald Trump und Wilbur Ross sind heute Nachbarn auf Floridas Reicheninsel Palm Beach, doch ihre Verbindung reicht Jahrzehnte zurück. Und ohne Ross wäre Trump wohl nie Präsident geworden.

In den achtziger Jahren nutzte Trump die wirtschaftliche Erholung in New York City und einige Steuersubventionen – sein Vater Fred verfügte über die notwendigen Beziehungen – zum Aufbau seines Geschäfts. Bald stand er im Ruf, ein goldenes Händchen für Immobilien zu haben. Seine New Yorker Erfolge verführten Trump, groß ins Kasino-Geschäft im Ostküsten-Spielerparadies Atlantic City einzusteigen. Er ignorierte die Anzeichen einer aufziehenden Rezession und eröffnete 1990 das Taj Mahal. Die Baukosten für das "achte Weltwunder", wie Trump es nannte, beliefen sich auf eine Milliarde Dollar. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung ging das Kasino in die Insolvenz.

Die Interessen der Gläubiger vertrat damals ein Investmentbanker namens Wilbur Ross. Dessen Auftraggeber hätten am liebsten das Kasino liquidiert und die Reste unter sich verteilt. Für Trump wäre es die ganz große Blamage als Geschäftsmann gewesen. Doch Ross argumentierte, das Taj Mahal sei mehr wert, wenn Trump mit seinem glamourösen Image als Immobilienmogul an Bord bleibe. So durfte Trump 25 Prozent Eigentumsanteil behalten – ein Zugeständnis, das es ihm ermöglichte, bis heute zu behaupten, er persönlich sei nie in Konkurs gegangen. Mitarbeiter, Handwerker, Anleger und Steuerzahler trugen die Verluste. Trump lernte aus dem Debakel, dass sein Name seinen wichtigsten Wert darstellt.

Ross war bei der Bank Rothschild Inc. auf Konkurse spezialisiert und genoss den Ruf, mit juristischen Winkelzügen und gnadenlosen Verhandlungen das Optimum für Anleger und Gläubiger herauszuholen. Im Jahr 2000, im Alter von 62 Jahren, wenn andere Investmentbanker mehr und mehr Zeit auf dem Golfplatz verbringen, machte Ross sich selbstständig. Er kaufte Rothschild einen Investmentfonds ab und sammelte zusätzlich Geld ein – 450 Millionen Dollar an Anlegerkapital waren es schließlich.

Zwei Jahre später schloss Ross den Deal, der ihn zum Star der Wall Street machen sollte: Er zahlte für die Werke des in Konkurs gegangenen Stahlunternehmens LTV 90 Millionen Dollar in bar und 235 Millionen in Form von Kreditübernahmen. Vom Stahl ließen andere Investoren damals lieber die Finger. Dutzende Unternehmen der Branche gingen zu der Zeit pleite. Traditionelle Stahlproduzenten wie LTV verloren im Wettbewerb gegen die sogenannten Minimills, die dank neuer Technologie mit weniger Arbeitskräften und mit Schrott als Rohmaterial billiger produzierten. Nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation 2001 fluteten zusätzlich Billigimporte die USA.