Ein 17-Jähriger verklagt die US-Regierung und will zur Stimme einer globalen Klimabewegung werden.

Das Publikum blickt amüsiert, als Xiuhtezcatl Martinez auf die Bühne springt. Ein Teenager mit hüftlangem Haar und Sonnenbrille aus Holz auf dem Kopf. "Er hat gerade die Highschool geschmissen, heute Abend ist er unser Keynote-Speaker." So hat der Moderator ihn soeben den rund zweihundert Unternehmern angekündigt, die sich in einer ehemaligen Fabrikhalle in San Francisco versammelt haben. Manche im Publikum scheinen das für einen Scherz zu halten. Doch dann übernimmt Xiuhtezcatl das Mikrofon. Er beginnt zu reden: "Schuh-tess-kat – so spricht man meinen Namen aus", sagt er mit fester Stimme. "Und ich will, dass ihr ihn euch einprägt." Die Blicke im Publikum verändern sich. Mit jeder Minute, die der Junge spricht, hören sie ihm aufmerksamer zu. Und schließlich sagt Xiuhtezcatl den Satz, mit dem er derzeit fast immer sein Publikum gewinnt: "Ich verklage Donald Trump." Klatschen und Jubelrufe, ein paar Unternehmer kreischen sogar vor Begeisterung.

Einen Zettel hat Xiuhtezcatl nicht dabei. Er weiß genau, welche Worte er wählen muss, um die Menge zu begeistern. Obwohl er erst 17 ist, stand er schon so oft auf der Bühne, dass er die Auftritte nicht mehr zählen kann. Mit neun Jahren begann er gegen Kohle- und Fracking-Unternehmen zu protestieren. Mit 15 sprach er vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen – als jüngster Redner in deren Geschichte. Er wird zu Fernsehshows und internationalen Kongressen eingeladen, manche Veranstalter zahlen Zehntausende Euro, nur um ihn reden zu hören. Vor allem ein Vorhaben macht ihn zum Star unter Umweltaktivisten auf der ganzen Welt: Gemeinsam mit 20 anderen Jugendlichen verklagt er die US-Regierung für ihre Klimapolitik.

Ein Held der grünen Jugendbewegung?

Xiuhtezcatl will noch viel weiter gehen. Gerade ist sein erstes Buch erschienen. We Rise heißt es: "Wir erheben uns". Darin kündigt er an, eine neue globale Umweltbewegung loszutreten. Menschen auf der ganzen Welt sollen sich ihm anschließen. In vielen Läden San Franciscos ist das Buch bereits ausverkauft. Er könnte damit etwas schaffen, das seit Langem keinem Aktivisten mehr gelungen ist, das der Klimabewegung gerade jedoch sehr helfen könnte: Er könnte zum Helden einer neuen grünen Jugendkultur werden.

Seit vergangener Woche verhandeln die Vertreter der Vereinten Nationen auf der Klimakonferenz in Bonn, wie sie die Erderwärmung aufhalten können. 25.000 Menschen protestierten dort auf der Straße für den Klimaschutz. Doch obwohl das Problem immer drängender wird, schafft es die Umweltbewegung nur noch selten, die Massen zu mobilisieren. Und genau das möchte Xiuhtezcatl jetzt ändern.

"Die Vereinten Nationen sind eine tolle Plattform, aber kein wirklich aufregender Ort!", ruft er von der Bühne in San Francisco. Seine Sätze klingen wie eine Mischung aus einem Rapsong und einer Rede von Martin Luther King. Jeden neuen Gedanken beginnt er mit dem Halbsatz: "Was ich gesehen habe ..." Dann erinnert er an Bilder, die alle im Fernsehen verfolgen konnten. Von dem Tropensturm Harvey, der die Stadt Houston flutete. Von den Hurrikans Irma und Maria, die in Florida, auf Kuba und in Puerto Rico Häuser über die Straße fegten. Von den Waldbränden in Kalifornien, die hundert Kilometer entfernt von San Francisco ganze Landstriche verkohlten. Kopfnicken im Publikum, Klatschen.

So leicht es Xiuhtezcatl hat, die eher alternativen Unternehmer vor ihm zu überzeugen, so schwer ist es, tatsächlich den Klimawandel aufzuhalten.

"Ich kann euch nicht alle einzeln überzeugen, dafür hat der Planet keine Zeit!"
Xiuhtezcatl Martinez

Zwar beschlossen die Nationen der Welt beim Klimagipfel vor zwei Jahren in Paris, den CO₂-Ausstoß massiv zu senken. Doch 2016 wurden trotzdem so viele Tonnen in die Luft geblasen wie nie zuvor. Zwar kaufen immer mehr Konsumenten regionales Gemüse. Doch sie sind viel zu wenige, um wirklich etwas zu verändern. Und selbst von denen, die sich vor der Erderwärmung fürchten, würde kaum jemand auf die nächste Flugreise verzichten oder Veganer werden, um das Klima zu schonen. Noch weniger würden vor einem Kohlekraftwerk demonstrieren. Diesen Zwiespalt kann man auch in der Fabrikhalle beobachten. Es geht um Umweltschutz, aber die Bio-Limonade wird in Aluminiumdosen verkauft. "Ich kann euch nicht alle einzeln überzeugen, dafür hat der Planet keine Zeit!" Nun schreit Xiuhtezcatl fast. "Was wir brauchen, ist eine neue Ideologie!"

Zwanzig Minuten mit der Bahn entfernt von der Fabrikhalle arbeitet einer der Menschen, ohne die heute wohl kaum einer über den Klimawandel sprechen würde. Er ist Professor an der Universität von Kalifornien in Berkeley, Abteilung 310, Lehrstuhl für Energie und Ressourcen. Ein paar Tage vor Xiuhtezcatls flammender Rede sitzt er dort an seinem Schreibtisch. Auf dem Boden schläft sein Labrador. An der Wand hängt ein Zertifikat: "Nobel Peace Prize Contribution". Daniel Kammen war einer der Forscher, die herausfanden, dass der Klimawandel von Menschen gemacht ist. Als einer von rund 2500 Experten des Weltklimarats gewann er 2007 den Friedensnobelpreis, gemeinsam mit dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Al Gore.

"Wir haben die Technik und das Wissen, die Erderwärmung zu bekämpfen", sagt Kammen. Doch immer noch zweifeln viele Amerikaner daran, dass der Klimawandel tatsächlich stattfindet. Einer von ihnen sitzt sogar im Weißen Haus. Kaum im Amt, kündigte US-Präsident Donald Trump an, die Kohleindustrie zu fördern, den Etat für den Klimaschutz zu kürzen und aus dem Abkommen von Paris auszutreten. Auch Daniel Kammen weiß, um den Klimawandel aufzuhalten, müsste ein fundamentaler Wandel einsetzen. Die Politik müsste sich ändern, die Wirtschaft, das Verhalten der Menschen. Nie gab es bessere Gründe dafür, nie war die Bedrohung für das Klima so groß. Mit Donald Trump hätte die Umweltbewegung nun sogar das ideale Feindbild. Nur der Wille scheint zu fehlen.

In den vergangenen hundert Jahren gab es immer wieder größere Umweltbewegungen: In den Sechzigern gingen die Menschen gegen Pestizide auf die Straße, in den Siebzigern für den Schutz der Wälder, gegen den sauren Regen und Atomkraft. In den achtziger Jahren begann der Protest für den Klimaschutz. In all diesen Jahrzehnten wurden Umweltvereine gegründet, in Deutschland auch eine erfolgreiche grüne Partei. Doch während in Lateinamerika, Afrika und Asien seitdem immer neue Initiativen entstehen, gewinnen diejenigen in den USA und in Europa kaum noch junge Mitglieder.