Alles begann damit, dass ich zurückfragte, nur dieses eine Mal.

Die Tankstelle steht am Rande Hamburgs, ob im Norden oder Süden, ist nicht wichtig. Doch es wäre Unterlassung, zu verschweigen, dass ihr etwas Sentimentales anhaftet, jedenfalls in meinen Augen. Frühe Aufbrüche in Urlaube hat sie mit ihrem kühlen Aral-Blau ebenso beleuchtet wie späte Ankünfte von Dienstreisen, ein Stadttor des Autozeitalters, beständig inmitten von Bewegung.

Es war Sommer, als ich dort anhielt, tankte und auf dem Weg zur Kasse das Portemonnaie herausholte. Vor einer Wand aus Zigarettenschachteln wartete die Verkäuferin.

"Vielleicht noch ein Heißgetränk dazu?", fragte sie.

"Nein, danke", sagte ich.

"Haben Sie eine Payback-Karte?"

"Auch nicht."

Sie schwieg. Ich dachte: Wann hat es angefangen mit dieser Fragerei? Mit den Erkundigungen nach Kundenkarten und Postleitzahlen, mit dem Anbieten von "Treuepunkten", dem Anpreisen von "Heißgetränken", den Hinweisen auf "Sonderaktionen"? Es war schleichend geschehen. Und genauso schleichend, zeitlich etwas verzögert, war bei mir aus Verblüffung über die plötzliche Ansprache in Bäckereien, Schuhgeschäften und Tankstellen stiller Verdruss geworden. Statt miteinander reden Verkäufer und Käufer ja eher routiniert aneinander vorbei, insbesondere beim Tanken, einem Geschäft in Eile. Man hält an, um weiterzukommen. So erschien mir im Nachhall meine erste Antwort an diesem Sommertag noch höflich. Die zweite war schon von Ungeduld verdunkelt.

Der Bon quoll aus der Kasse. Ein Beleg über 52,01 Euro und darüber, dass die Transaktion zwischen der Verkäuferin und mir, zwischen Konzern und Kunde, abgeschlossen war.

Aber dieses eine Mal fragte ich zurück.

"Sie müssen das alles fragen, nicht wahr?"

"Was?", sagte die Verkäuferin.

"Das mit der Payback-Karte. Und ob ich noch was zu trinken möchte."

"Ja."

"Wer verlangt das?"

"Der Chef."

"Und von wem hat der’s?"

"Von noch weiter oben, glaube ich."

Möglich, dass die Erinnerung täuscht, aber in jenem Moment wurde aus der Buchstabenkombination auf der firmenblauen Bluse der Frau ein Name, aus der Verkäuferin ein Individuum. Klein, gebräunte Haut, im Haar ein heller Schimmer, vielleicht vom Neonlicht. Ihre Stimme bekam eine andere Färbung. Leiser als zuvor sagte die Frau, ihr sei das Fragen auch manchmal unangenehm. Vor Stammkunden, von denen sie doch wisse, dass die nur kämen, um ihre Packung Zigaretten zu kaufen. Vor Kindern, die sonntags hoch konzentriert zwölf mühsam gemerkte Brötchen ordern, und zwar sechs normale, drei dunkle und drei Mehrkorn ... aber: Darf’s noch was dazu sein? Anweisung von oben, sagte die Verkäuferin.

Von der Decke sah eine Kamera zu.

Im September fuhr ich wieder hin, etwas ließ mir keine Ruhe. Bislang hatte ich Tankstellen für halbwegs eigenständig gehalten. In Markenfarben gekleidet und doch Dorfladen. Betrieben von normalen, häufig etwas älteren Leuten, nicht von diesem faltenfreien Verkaufspersonal, dem man in den Innenstadtfilialen großer Modeketten begegnet und das wie von Firmenregisseuren gecastet wirkt.

Verglichen damit erscheinen Tankstellen beinahe urig. Aber was wissen wir Kunden schon über die Geschäfte, in denen wir einkaufen? Und was wollen wir wissen?

Den Sommer über hatte ich mit Freunden gesprochen. Alle kannten die Kassenfragen, viele fanden sie lästig. Nicht zuletzt für all die Frauen und Männer, die sie täglich hundertfach stellen müssen. Ob bei dm, Thalia, Shell oder Aral.

Anders als beim ersten Mal näherte ich mich der Tankstelle jetzt als Journalist. Ich wollte nicht tanken, sondern etwas erkunden. Wenn die Fragen, die dort gestellt wurden, über mehrere Hierarchiestufen zur Verkäuferin heruntergereicht worden waren – müsste es dann nicht möglich sein, die Anweisung zurückzuverfolgen, indem ich mich die Stufen wieder hinauffragte? Und mich so in einen Konzernkosmos begab, eines dieser komplizierten Gefüge aus Menschlichem und Marktgesetzen?

Dass alle Einblicke – und Nichteinblicke – in den folgenden Wochen ein ganzes Sittengemälde ergeben würden, war damals nicht abzusehen.