Schaut man sich heute unser liebstes tierisches Accessoire an, erschließt sich nicht, was der Mensch vor 15.000 Jahren mit dem Wolf wollte. Mit ultralangen Ohren, Stummelbeinen oder horrendem Übergewicht trotten die Verwandten von Canis lupus durch die urbanen Habitate. Die meisten modernen Vertreter von Canis lupus familiaris scheinen nicht in der Lage zu sein, mehr als zehn schnelle Schritte zu tun, ohne zu stolpern, zu ersticken oder an Herzversagen zu sterben. Vom einstigen Raubtier sind kalbsgroße und necessairekleine Exemplare übrig geblieben, plus ein paar Hundert Rassen, die morphologisch dazwischenliegen.

Jagdfähige Hunde finden sich nur noch selten unter den besten Freunden des Homo sapiens. Trotzdem gilt die Hatz auf Beutetiere als einer der Hauptgründe, warum sich der Mensch in der Steinzeit die Fähigkeiten des Tiers zunutze machte – lange bevor er zum Landwirt und Viehzüchter wurde. Geruchssinn und Schnelligkeit prädestinierten den Wolf wohl zum idealen Assistenten; er kompensierte die sensorischen und körperlichen Defizite des Jägers.

Eine Entdeckung im Nordwesten Saudi-Arabiens bestätigt nun die These vom Hund als frühem Jagdhelfer. 8.000 bis 9.000 Jahre alte Felszeichnungen in Saudi-Arabien haben Archäologen des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte analysiert. Ihre Auswertung erscheint in der aktuellen Ausgabe des Journal of Anthropological Archaeology. Unter den mehr als tausend Petroglyphen machten sie 147 Jagdszenen aus. Rund 300-mal begegnete ihnen auf den Zeichnungen ein Hund.

Ältere archäologische Spuren, in denen die Funktion des Hundes so deutlich thematisiert wäre, gibt es keine. "Nicht mal eine Million Knochen können mir vermitteln, was diese Bilder zu erzählen haben", sagt die Tierarchäologin Angela Perri, Co-Autorin der Studie. Das sei fast so, als ob man sich ein YouTube-Video ansehe, so deutlich sei auf den Zeichnungen der Fundstellen von Shuwaymis und Dschubba nachzuverfolgen, was die Jäger – erkennbar an Pfeil und Bogen – mit den Hunden taten: Sie führten sie an langen Leinen spazieren und hetzten mit ihnen Gazellen und Antilopen hinterher. In einer Szene stehen ein Jäger und zwei Hunde einem Löwen gegenüber, vielleicht ein Hinweis, dass Menschen mithilfe der Tiere ihre Chance erhöhten, Katzenangriffe zu überleben oder unversehrt von der Großwildjagd zurückzukehren.

Wie und warum der Mensch ursprünglich auf den Hund kam, darüber lässt sich weiterhin bloß spekulieren. Es ist nicht gesichert, ob das Tier als abfallfressender Schmarotzer von sich aus auf Kuschelkurs zum Menschen ging – genauso wenig, ob dem Zweibeiner einfach das Vierbeinerfleisch hervorragend schmeckte. Nahmen Kinder sich junge Wölfe als Spielgefährten? Begann die gemeinsame Karriere, als Nomaden den Wolf zum Wächter machten?

Aufgrund genetischer Untersuchungen gehen heute die meisten Forscher davon aus, dass der Wolf vor 15.000 Jahren oder früher domestiziert wurde – und zwar mindestens zweimal, in Europa und in Südostasien. Mehr als 30.000 Jahre alt sind zwei Schädelknochen von Wölfen, die angeblich bereits Spuren von Domestikation zeigen; entdeckt wurden sie im Altai-Gebirge und in Belgien. Dass aus der Zuneigung zu diesem Nutztier bald Liebe wurde, davon erzählt zum Beispiel das Doppelgrab von Oberkassel: Schon vor 14.000 Jahren gingen Menschen mit ihrem besten Freund auf die Reise ins Jenseits.

Vergleichsweise lange ließ man sich mit der Darstellung von Hunden Zeit – am ältesten ist eine Caniden-Skizze aus der französischen Höhle Font-de-Gaume; sie zeigt allerdings einen Wolf. Dieses Felsgraffito konnte bislang nicht datiert werden; es dürfte 15.000 Jahre alt oder noch älter sein. Einen Rekord aber können die Zeichnungen aus Saudi-Arabien vorerst beanspruchen: Bei den gebogenen Linien zwischen Mensch und Hund handelt sich um den ältesten Beweis für die Erfindung der Hundeleine. Als früheste Darstellung galten bislang 5.500 Jahre alte Zeichnungen aus dem alten Ägypten.

Die Hundezeichnungen in Arabien verraten noch mehr über die Verwendung der Tiere. Esel, Rinder, Ziegen und Schafe sind mit abgebildet. Offenbar verstanden es ihre Besitzer früh, die Tölen zur Kontrolle von Viehherden einzusetzen.

Auffällig ist, wie sehr die prähistorischen Begleiter den bis heute in der Region beliebten Hunden gleichen. In Europa ging der Mensch offensiver mit dem Tier um, unglaublich schnell formte er es nach Gutdünken neu. Beim Elefanten, sagt der amerikanische Verhaltensforscher Michael Tomasello, habe aus "fortpflanzungsmechanischen Gründen" alles ein wenig länger gedauert. Um hingegen Bernhardiner von lebensrettenden Lawinenhunden in unnütze Sabberpumpen zu verwandeln, brauchten Züchter nur wenige Generationen. Am Vergleich von Bullterrier-Schädeln ist zu sehen, wie sich deren Kiefer in nur 30 Jahren in eine gigantische Beißzange verwandelte.

Der heute in Israel heimische Kanaan-Hund dagegen hat noch immer den gleichen quadratischen Körperbau, die über den Rücken gerollte Rute, die kurze Schnauze und die spitzen Ohren, die auch die Vierbeinerrasse auf den Felsen in Saudi-Arabien charakterisieren. Zumindest im Vorderen Orient haben sich die Züchter offenbar wenig Mühe gemacht, Wesen zu fabrizieren, die keine Erinnerung mehr an den Urvater Wolf wecken können.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio