"Schwuchtel" – so habe ihn der Übersetzer vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) genannt, auf Arabisch, immer und immer wieder.

Khaled A.* ist schwul. Und weil Homosexuelle in seiner Heimat Ägypten seit einigen Monaten so massiv verfolgt werden wie seit Jahren nicht, hat der 22-Jährige im Oktober 2017 in Deutschland Asyl beantragt. Ein Bekannter von Khaled A. sitzt bereits in Ägypten im Gefängnis – er hatte eine Facebook-Seite betrieben, die laut der offiziellen Anschuldigung "Homosexualität propagandiert". Khaled A. wollte nicht enden wie sein Bekannter, er wollte keine Angst mehr haben müssen.

Doch bei der Anhörung des Bamf, die jeder durchlaufen muss, der hier als Flüchtling anerkannt werden will, holte ihn ebenjene Angst wieder ein: Khaled A. behauptet, der ihm zugewiesene Dolmetscher habe ihn während des Gesprächs in den Räumen der Behörde in einer Stadt in Rheinland-Pfalz zunächst skeptisch angeschaut. "Du schläfst mit Männern?", habe der ihn gefragt. Khaled A. habe nur gelächelt – "Ich war eingeschüchtert" – und mit dem Kopf genickt. Als der syrischstämmige Dolmetscher ihn das erste Mal beschimpft habe, habe Khaled A. ihn noch gebeten, stattdessen die arabischen Wörter für "homosexuell" und "queer" zu benutzen. Der Dolmetscher habe ihn ignoriert. Und ihn in einer Pause auf dem Flur gleich weiter drangsaliert. Die ZEIT hat Khaled A.s Geschichte in Gesprächen mit seiner Anwältin und unabhängigen Menschenrechtsaktivisten überprüft – seine Darstellung scheint plausibel. "Ich dachte, dass man Menschen wie mich in Deutschland mit Respekt behandelt", sagt Khaled A. heute.

Er ist kein Einzelfall. Seit Beginn der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 häufen sich die Beschwerden über Dolmetscher und Sicherheitskräfte des Bamf. Immer wieder klagen Asylbewerber über Drohungen, Einschüchterungsversuche und falsche Übersetzungen. Das Bamf versprach schon mehrfach Besserung, wollte seine Einstellungskriterien für Übersetzer überprüfen und so gewährleisten, dass jeder Asylbewerber einen Dolmetscher bekommt, der sich an das Neutralitätsgebot hält. Doch Geschichten wie die von Khaled A. zeigen: Das Problem ist nicht behoben. In mehreren Fällen gibt es sogar Hinweise darauf, dass es sich bei Übersetzern des Bamf um Anhänger ebenjener Regime handeln könnte, wegen derer die Asylbewerber ihre Heimatländer verlassen haben.

Kürzlich berichtete der Spiegel von einem besonders drastischen Fall: Mehrere türkische Asylbewerber waren kurz nach der Anhörung beim Bamf namentlich in Medien in der Türkei aufgetaucht und dort als Terroristen gebrandmarkt worden. Die Betroffenen – unter ihnen ein Anhänger der islamischen Gülen-Bewegung – hatten das Land nach dem gescheiterten Putsch im Juli 2016 verlassen, um in Deutschland Asyl zu beantragen. In Sicherheit waren sie hierzulande nicht: Der Bericht legt nahe, dass türkischstämmige Dolmetscher des Bamf die Namen der Flüchtlinge in die Türkei weitergegeben hatten.

Dolmetscher spielen im Asylverfahren eine zentrale Rolle: Sie übersetzen, wenn der Asylbewerber dem Beamten des Bamf die Gründe für seine Flucht darlegt. Auf diese Weise haben sie großen Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens: Üben sie wie im Fall von Khaled A. Druck aus oder übersetzen falsch, können sie die Asylanhörung torpedieren und dafür sorgen, dass Menschen, die Schutz benötigen, keinen bekommen. Im schlimmsten Fall droht ihren Opfern die Abschiebung.

Aber wie kommt es zu den Vorwürfen, dass die deutsche Flüchtlingsbehörde überhaupt Mitarbeiter beschäftigt, die nicht ihren Job machen, sondern Flüchtlinge bedrohen?

Die jüngere Geschichte des Bamf ist eine Geschichte der Überforderung. 890.000 Schutzsuchende kamen im Jahr 2015 nach Deutschland – so viele wie nie zuvor. Auf den Tischen der Entscheider türmten sich die Akten, innerhalb weniger Monate wuchs die Behörde von 2000 auf 8000 Mitarbeiter an. Hunderte von ihnen wurden im Schnellverfahren eingestellt. Zwischenzeitlich verzichtete die Behörde ganz auf Bewerbungsgespräche: Zeugnisse und Anschreiben, per Mail verschickt, mehr war nicht nötig.

Auf diese Weise kamen zahlreiche neue Dolmetscher zum Bamf. Und auch sie mussten keinerlei Qualifikationen vorlegen: Die "sprachliche Eignung" wurde laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen vom Mai 2016 nur "im Rahmen der Honorarvereinbarungen und der ersten Einsätze vor Ort geprüft". In dieser Zeit beschäftigte das Bamf insgesamt 3100 freiberufliche Übersetzer in ganz Deutschland. Da die Berufsbezeichnung "Dolmetscher" jedoch nicht juristisch geschützt ist, boten auch Hunderte gering qualifizierte Übersetzer dem Bamf ihre Dienste an. Sie verfügten über kein Studium, keine Qualifikation, hatten anders als echte Profidolmetscher keinen Eid vor Gericht abgelegt – und bekamen den Job trotzdem.