"Die Sorge nimmt man mit nach Hause"

"Für mich ist die Arbeit als Betriebsrätin der spannendste Job der Welt, weil ich mich mit so vielen verschiedenen Themen beschäftige: Wie gehen wir im Unternehmen damit um, dass die Gesellschaft, und damit auch unsere Kollegen, immer älter werden? Wie gewinnt man neue Mitarbeiter trotz Fachkräftemangel? Als Betriebsrätin kann ich vieles mitgestalten. Zum Beispiel haben wir kürzlich ein Langzeitarbeitskonto eingeführt. Mitarbeiter können nun Überstunden sammeln und für Auszeiten nutzen. Ich sitze seit 1994 in diesem Gremium, seit 1998 bin ich von der Arbeit freigestellt. Zu meinen Aufgaben gehören Betriebsratssitzungen, Einzelgespräche mit Kollegen und Verhandlungen mit Führungskräften, etwa über Gehälter. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich das erste Mal einem hohen Manager, dem damaligen Vertriebschef für Deutschland, gegenübersaß. Ich war sehr aufgeregt. Heute bin ich daran gewöhnt, mit Vorständen zu diskutieren. Die größte Skepsis begegnet mir bei ausländischen Managern, die sagen: ›Mit Betriebsrat wird alles kompliziert und dauert länger.‹ Denen erkläre ich dann, dass im Ausland zwar oft leichter gekündigt werden kann, aber viel mehr Fälle vor Gericht landen und hohe Abfindungen gezahlt werden müssen. In Deutschland sind Betriebsräte gut etabliert, zumindest in großen Unternehmen wie Roche. Trotzdem gibt es immer wieder Herausforderungen. Eine meiner schwierigeren Verhandlungen war 2012, als unsere Kantine fremdvergeben werden sollte. Das klingt nicht dramatisch, aber für die betroffenen Kollegen war das existenziell. Manche sollten entlassen werden, andere den gleichen Job für 30 Prozent weniger Gehalt machen. Wir haben damals wochenlang mit dem Management gerungen, Kollegen haben auf Versammlungen flammende Plädoyers für die Kantine gehalten. Wir sammelten mehr als 4000 Unterschriften gegen die Pläne. Am Ende konnten wir die Schließung abwenden. Für mich ist es jedes Mal sehr belastend, wenn Kollegen um ihren Arbeitsplatz bangen. Manche sitzen in meinem Büro und weinen. Die Sorge nimmt man mit nach Hause."

"Trotz Schikanen am Ende knapp gewonnen"

"In einem Unternehmen mit gerade einmal 20 Mitarbeitern einen Betriebsrat zu gründen war eine echte Herausforderung. Wir hatten früher ständig Probleme bei den Arbeitszeiten. Die Direktion hat gesetzliche Ruhezeiten nicht eingehalten, und Mitarbeiter mussten auf Abruf bereitstehen. Als die Belegschaft dann beschlossen hat, Betriebsratswahlen abzuhalten, hat unsere Hoteldirektorin das nicht kommentiert. Aber unterschwellig wurde viel getan, um die Wahl zu boykottieren. Zum Beispiel wurde ein weiterer Kandidat aufgestellt, von dem wir wussten, dass er der Direktion nahesteht. Und die Azubis bekamen gesagt: ›Wählt bloß nicht Frauke. Als Teilzeitkraft ist die doch eh nie da!‹ Ich habe damals drei Tage die Woche an der Rezeption gearbeitet. Zum Glück musste ich nicht um meinen Job fürchten, weil für nominierte Betriebsräte ein Sonderkündigungsrecht gilt. Und am Ende haben wir trotz aller Schikanen knapp gewonnen. Danach blieb es aber erst mal schwierig: Ein paar Tage später kam die damalige Direktorin zu mir an die Rezeption, hat mir die Dienstpläne für die Mitarbeiter hingelegt und gesagt: ›Gib sie sofort frei!‹ Es hat schon Mut gekostet, zu antworten: ›Wenn ich mich sofort damit beschäftigen soll, müssen Sie mich sofort für angemessene Zeit von meinen Aufgaben als Rezeptionistin freistellen.‹ Rückblickend war es gut, dass ich so konsequent reagiert habe. So war klar, dass ich mich nicht herumstoßen lasse. Ich habe dann viele Fortbildungen besucht, um schnell zu lernen, welche Mitbestimmungsrechte ich habe. Am schwierigsten fand ich, die Begleiterscheinungen meines neuen Jobs nicht persönlich zu nehmen. Zum Beispiel wurde ich nicht mehr als Rezeptionistin an andere Accor-Häuser verliehen, wenn dort Aushilfen gesucht wurden. Hintenrum habe ich erfahren: Die Direktoren hatten Angst, ich würde ein Betriebsrats-Virus verbreiten. Mittlerweile ist mir das egal. Dafür haben wir in unserem Hotel nun warmes Essen für den Spätdienst, die Dienstpläne werden drei Wochen im Voraus ausgehängt, und Überstunden können zeitnah abgebaut werden."

"Wir werden oft als Feinde angesehen"

"Schicke Abendessen mit leitenden Angestellten, VIP-Tickets fürs DFB-Pokalfinale – solche Angebote habe ich als Betriebsrat schon einige Male bekommen. Aber ich habe mich noch mit keinem Geschäftsführer geduzt, lasse mich maximal auf ein schlichtes Essen bei einer Dienstsitzung einladen, und wenn ich Termine gemeinsam mit der Geschäftsführung habe, reisen wir getrennt an. Mir ist es wichtig, in dieser Hinsicht nicht angreifbar zu sein. Lieber verbringe ich viel Zeit vor Ort bei der Belegschaft. Ich bin im Schnitt vier Tage pro Woche in unseren 28 Läden unterwegs, treffe Betriebsräte oder setze mich zu den Kollegen in den Pausenraum. Genau dafür bin ich ja freigestellt: um mir einen Eindruck quer durch alle Häuser zu verschaffen. Im Jahr fahre ich so etwa 50 000 Kilometer. Daher gibt es selten Kollegen, die sagen, ›Du arbeitest ja gar nicht‹. Im Gegenteil: Der Rückhalt bei der Belegschaft ist hoch. Das ist auch wichtig, um die Motivation zu behalten. Manchmal ziehen sich Verhandlungen mit der Unternehmensführung über Monate. Da hilft es enorm, wenn Kollegen sagen: ›Toll, dass ihr weiterkämpft.‹ Allerdings finden wir immer schwieriger Kollegen, die den Job machen wollen. Gerade Jüngere haben Angst um ihre Karriere, da Betriebsräte im Einzelhandel oft als Feinde des Unternehmens gesehen werden. Das merke ich daran, dass manche Informationen zu spät oder gar nicht an uns weitergegeben werden. Ich selbst muss auch hart dafür kämpfen, angemessen bezahlt zu werden. Das Gehalt von Betriebsräten, die so wie ich über viele Jahre lang freigestellt sind, wird normalerweise durch Vergleiche festgelegt. Man prüft also, was Kollegen im gleichen Alter mit ähnlicher Qualifikation verdienen – und zahlt dem Betriebsrat dann dasselbe. Mein Unternehmen wollte mein Gehalt stattdessen langfristig auf dem Niveau einfrieren, das ich vor meiner Freistellung hatte. Als Betriebsrat trage ich dazu bei, dass Belegschaften und Führungsriege im Gespräch bleiben und an einem Strang ziehen. Trotzdem wird die Arbeit von vielen Unternehmen kaum wertgeschätzt."