DIE ZEIT: Frau Oerder, richtig mächtige Betriebsräte gibt es nur noch in traditionsreichen Branchen wie der Automobilindustrie. Ist das Konzept überholt?

Katharina Oerder: Nein. Das hat mit dem generellen Strukturwandel unserer Wirtschaft zu tun, hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Da Dienstleister oft kleiner sind, gründen die Mitarbeiter dort seltener Betriebsräte, die auch weniger mächtig sind. Das liegt vor allem an der Unternehmenskultur: Mitarbeiter in produzierenden Unternehmen sind aus ihrer Tradition heraus eher bereit, für ihre Rechte zu kämpfen. So können Betriebsräte einen ganz anderen Druck aufbauen – etwa indem sie die Mitarbeiter dazu aufrufen, nur noch Dienst nach Vorschrift zu verrichten. Alles in allem gilt: Betriebsräte sind ein fundamentaler Bestandteil unserer Wirtschaftsdemokratie.

ZEIT: Klingt schön. Aber was heißt das konkret?

Oerder: Firmen, die einen Betriebsrat haben, tun manchmal so, als sei das besonders arbeitnehmerfreundlich. Diese Sichtweise ist falsch. Ein Betriebsrat ist kein Nice-to-have, sondern im Betriebsverfassungsgesetz vorgeschrieben. Es genügt in der Regel, wenn das Unternehmen fünf Mitarbeiter hat.

ZEIT: Die Realität sieht anders aus. Insgesamt haben nur neun Prozent der deutschen Unternehmen einen Betriebsrat, das zeigt eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Oerder: Diese Zahl führt in die Irre. Denn gleichzeitig werden mehr als 40 Prozent der Arbeitnehmer durch einen Betriebsrat vertreten. Es gibt eben überproportional viele Arbeitsplätze in Großunternehmen – und die haben fast immer einen Betriebsrat. Trotzdem besteht noch großer Nachholbedarf, gerade in Ostdeutschland. Dort fehlt häufig die Erfahrung mit verfasster Mitbestimmung.

ZEIT: Spielt auch eine Rolle, dass der Job als Betriebsrat als eine Sackgasse gilt?

Oerder: Ja, das auch. Es finden sich immer weniger Menschen, die diesen Job machen wollen. Gerade in kleinen Unternehmen mache ich oft die Erfahrung, dass Mitarbeiter berufliche Nachteile hinnehmen müssen. Dazu kommt die hohe Arbeitsbelastung. Betriebsräte müssten theoretisch für ihre Arbeit freigestellt werden. Vieles muss aber dennoch am Feierabend oder am Wochenende erledigt werden. Außerdem ist der Job emotional belastend: Man ist der Kummerkasten für alle Kollegen.

ZEIT: Das schlechte Image des Betriebsrats als jemand, der einfach nur unkündbar sein möchte und weniger arbeiten, ist also aus der Luft gegriffen?

Oerder: Das mag es in Einzelfällen geben. Aber auf die allermeisten Betriebsräte trifft das nicht zu. Schließlich werden sie von der Belegschaft gewählt. Vereinfacht gesagt: Wie engagiert ein Betriebsrat ist, bestimmt die Belegschaft durch die Wahl. Insgesamt haben wir in Deutschland eine starke Mitbestimmungskultur. Die Wahlbeteiligung bei Betriebsratswahlen ist sogar höher als bei der Bundestagswahl: seit Jahrzehnten fast 80 Prozent! Und ich bin sicher, dass dies auch im Frühjahr 2018 so sein wird, bei den nächsten bundesweiten Betriebsratswahlen.

ZEIT: Wie ist das bei Arbeitgebern? Sind Betriebsräte dort genauso anerkannt?

Oerder: Gute Geschäftsführungen wünschen sich gute Betriebsräte. Aber das hängt natürlich immer stark von der Branche und vom jeweiligen Unternehmen ab. In Gastronomie und Einzelhandel haben es Betriebsräte meist ganz besonders schwer. Ich habe aber den Eindruck, dass die gute Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Betriebsräten während der vergangenen Weltwirtschaftskrise das Verhältnis insgesamt verbessert hat. Bei vielen Unternehmen wurde zusammengearbeitet, um Jobs zu retten, zum Beispiel durch Kurzarbeit.

ZEIT: Sind solche Kompromisse nicht die Ausnahme? Oft sind Betriebsräte doch nur "Neinsager" – egal, ob es um neue Arbeitszeitregeln oder geplante Fusionen geht.

Oerder: Diese Blockadehaltung ist eine Unterstellung. Studien belegen das Gegenteil. Demnach sind Unternehmen mit Betriebsrat sogar innovativer.

Ein guter Betriebsrat macht konstruktive Vorschläge

ZEIT: Das müssen Sie erklären.

Oerder: Bei Unternehmen mit Betriebsrat dauert es zwar manchmal länger, bis eine Lösung gefunden ist, aber danach wird die schneller und erfolgreicher umgesetzt. Da der Betriebsrat die Interessen der Mitarbeiter im Blick hat und sich mit ihnen abstimmt, stehen diese hinter den Veränderungen. Zudem sind Betriebsräte oft jahrzehntelang in ihren Firmen aktiv und kennen die Probleme teilweise besser als ein Manager, der alle paar Jahre wechselt.

ZEIT: Können Sie ein Beispiel nennen?

Oerder: Die Firma Vorwerk. 2009 schrieb das Unternehmen Verluste, Hunderte Arbeitsplätze sollten abgebaut werden. Der Betriebsrat machte sich dafür stark, stattdessen in neue Geräte, attraktivere Standorte und besseren Service zu investieren. Inzwischen geht es dem Unternehmen besser denn je. Ein gutes Management nutzt den Betriebsrat als Co-Innovator, statt ihn kleinzuhalten. Und ein guter Betriebsrat macht konstruktive Vorschläge.