Frage: Herr Palmer, Sie müssten in den letzten Wochen der glücklichste Mensch der Welt gewesen sein.

Boris Palmer: Warum das denn?

Frage: Die Grünen haben plötzlich angefangen, über die Heimat zu reden. Vor dem Beginn der jetzt gescheiterten Sondierung hieß es bei Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt: "Wir lieben dieses Land, das ist unsere Heimat, und diese Heimat spaltet man nicht." Das ist doch Ihr Herzensthema.

Palmer: Meine Heimat liegt mir am Herzen, stimmt.

Frage: Hat Katrin Göring-Eckardt die Idee von Ihnen geklaut?

Palmer: Hat sie gar nicht nötig. Thüringen ist ein schönes Land.

Frage: Wie unterscheidet sich das Heimatgefühl eines Grünen etwa von dem eines CSU-Anhängers?

Palmer: Die CSU-Anhänger tragen zwar Lederhose, betonieren aber gleichzeitig ihre Heimat zu. In Bayern ist die Partei gerade mit einer brachialen Strategie dabei, riesige Gewerbeflächen an den Autobahnen durchzusetzen. Da könnte ich nicht mitmachen. Wer seine Heimat liebt, der muss auch seine Umwelt schützen.

Frage: Ein neuer grüner Patriotismus, Kompromissbereitschaft in der Flüchtlingspolitik – die Grünen haben sich in den Jamaika-Verhandlungen auch atmosphärisch auf CSU und FDP zubewegt. Ist Ihre Enttäuschung über das Ende der Sondierungsgespräche deshalb besonders groß?

Palmer: Ich bin verärgert, dass die FDP mit dem Schicksal des Landes zockt. Wenn sogar Horst Seehofer und Claudia Roth sagen, man hätte sich in der Flüchtlingspolitik einigen können, dann ist es nicht an inhaltlichen Hürden, etwa beim Familiennachzug, gescheitert. Erst recht nicht, nachdem meine Partei die CSU-Obergrenze von 200.000 als Richtwert akzeptieren wollte. Auch ein richtiges Zuwanderungsgesetz wäre endlich möglich gewesen. Patriotisch ist es jedenfalls nicht, wenn die FDP italienische Verhältnisse bei uns in Kauf nimmt.

Frage: Die grünen Verhandler haben alles richtig gemacht?

Palmer: Auch ich fand die öffentlichen Provokationen von Jürgen Trittin vor allem in Richtung FDP kurz vor der letzten Verhandlungsrunde unsäglich. Aber was meine Partei inhaltlich angeboten hat, war tipptopp und auf Erfolg angelegt.

Frage: Was verpasst Deutschland ohne Jamaika?

Palmer: Vielleicht einen lang ersehnten gesellschaftlichen Konsens in der Zuwanderungspolitik. Eine Einigung zwischen der CSU auf der einen und den Grünen auf der anderen Seite hätte vieles befriedet. Die CSU stellt ja richtige Forderungen: Wir brauchen Heimat, Ordnung und Steuerung. Offene Grenzen sind in der heutigen Welt nicht machbar. Auf der anderen Seite darf man die Humanität, die ethische Verantwortung gegenüber Menschen, denen es wirklich schlecht geht, nicht vergessen: Damit meine ich Kriegsflüchtlinge und Menschen, die in schlimmer Armut leben. Ironischerweise spielt dieser christliche Aspekt bei der CSU gerade keine große Rolle. Wir Grüne hätten in einer Koalition diesen christlicheren Anteil, die Barmherzigkeit, vertreten und die CSU den leider nicht vermeidbaren Anteil: die Härte und die Begrenzung.

Frage: Sie picken sich die Rosinen heraus.

Palmer: Nein, die CSU füllt einfach ihr C nicht aus. Daran ist sie selbst schuld. Ich persönlich stehe den christlichen Kirchen wesentlich näher als der CSU.

Frage: Wieso das?

Palmer: Die Grünen und die Kirche teilen die gleichen Werte. Ob dahinter eher der Schöpfungsgedanke steht oder die Rettung des Weltklimas – man kommt im Wesentlichen zum gleichen Ergebnis. Wie viele Christen habe ich ein positives Verhältnis zum Begriff "Heimat". Vielleicht ist das auch unter Baden-Württembergern besonders ausgeprägt. Ich liebe mein Land einfach und möchte in keinem anderen leben.