Wenn der Zeitgeist wirklich ein Geist ist, so scheint er am liebsten mit dem Wischmopp herumzuspuken. Nun hat die Wut zum Reinemachen den Esstisch erreicht. "Clean Eating" heißt der aus den USA stammende Trend, frische Ernährung zu etwas Sauberem zu erheben und industriell verarbeitetes Essen als Schmutz zu verdammen.

Auf Instagram und Facebook posten die Clean Eater täglich Mahlzeiten mit grünen Blättern, die hier nur noch Food heißen und aussehen, als wäre etwas morgenfrischer Tau an ihnen hängen geblieben. "Du bist, was du isst" lautet der philosophische Ansatz – aber anscheinend auch: "Du bist, wie du isst."

Denn wer sauber isst, tut dies längst nicht mehr von Tellern, sondern aus Schüsseln. Diese sogenannten Bowls werden zunächst mit einer einfarbigen Trägermasse wie beigem Quinoa, fahlem Naturreis oder bräunlich pürierter Banane mit ungesüßtem Kakao befüllt. Obendrauf liegen dann fein geordnet bunte Teilchen beieinander, Avocadoscheiben neben Mangoschiffchen, roher Fisch neben Karottenstäbchen.

Sushi-, Smoothie- und Veggie-Bowl heißen die Gerichte, benannt nach der Art, in der sie serviert werden. Denn erst die Schüssel weist das Essen und damit den Essenden aus, Teil der Sauberkeitsavantgarde zu sein. Wie vor einiger Zeit noch beim Kaffeetrinken aus Starbucks-Bechern oder wie heute beim Mitnehmen eines Bambus-Cups ins Café bedeutet nicht der Inhalt, sondern das Behältnis symbolisches Kapital. "Bowlen", das steht für Gesundheit, Stil und Achtsamkeit. Und damit das auch unterwegs jeder erkennt, gibt es Superfood-Bowls zum Mitnehmen in eigenen Tupper-Schüsseln, die die Kollegen im Büro vor ihren Kantinentabletts alt aussehen lassen.

Doch so öffentlich die Ernährung aus der Schale auch zelebriert wird, es steckt eine intimere Sehnsucht dahinter. Für die Anhänger der Bowl ist sie weit mehr als nur ein hipper tiefer Teller. Glaubt man der Psychoanalyse, zieht es die Schüssel-Esser womöglich gar nicht wissentlich zu ihr, sondern unbewusst. In der Freudschen Traumdeutung gelten Formen, die sich befüllen lassen, als Symbol von Weiblichkeit.

Für den Psychologen Erich Neumann, der bei der Analytikerkoryphäe C. G. Jung lernte, ist jedes bauchige Gefäß ein Sinnbild des Körpers der Frau. Aus ihm, so beschreibt er in seinem Buch Die große Mutter, komme alles Lebendige, und es sei kein Zufall, dass es den Menschen am Ende des Lebens oft wieder in eine runde Form, die Urne, ziehe.

Dass gegen derartig übermächtige Mutternaturkräfte der gemeine olle Teller (benannt nach dem lateinischen talea, zu Deutsch: "abgeschnittenes Stück") keine Chance hat, ist nur folgerichtig. Schon die Kelten verehrten heilige Kelche, Mönche stärkten sich mit einem asketischen Mahl aus irdenen Schüsseln, für die Weltreligionen sind Tauf- und Opferschalen Reliquien. Die Jünger des sauberen Essens haben nun in der Bowl eine mystische Quelle gefunden, ihren heiligen Urnapf, in den sie die Heilserwartung ewiger Frische legen und aus dem sie Babyspinatblätter bergen, als seien es Hostien.

Das Essen wird wie ein Reinigungsritual vollzogen, es lässt die Esser geläutert zurück. Denn die erhabene Salathaftigkeit aller Dinge, die von der Bowl ausgeht, veredelt, was auch immer in sie gefüllt wird, selbst wenn es einmal ölige Süßkartoffelpommes und fettige Brocken Pulled Pork sind. Die Schüssel heiligt den Inhalt, durch ihn kommt die Erleuchtung, er ist die Erlösung von allem Ungesunden, allem Schmutzigen, allem Bösen, in Ewigkeit. Amen.