China drängt an die wissenschaftliche Weltspitze. In Deutschland wird die neue Konkurrenz noch unterschätzt.

Sehr schmeichelhaft, was Chen Chunxiao über die Universitätsstadt Bonn sagt: "Ruhig und angenehm" sei es hier, die hiesigen Orientwissenschaften hätten einen exzellenten Ruf. Chen, 31, ist Historikerin. Ihre Doktorarbeit hat sie an der Universität Peking über das mongolische Reich geschrieben; vor einem Jahr kam sie als Postdoc-Stipendiatin an den Rhein. Raus aus der akademischen Enge ihrer chinesischen Heimat. Daheim sei das Studium straff organisiert, erzählt Chen, selbst Doktoranden bekämen von ihren Betreuern inhaltliche Vorgaben. "In Deutschland kann ich machen und forschen, was ich will", sagt Chen Chunxiao.

Demokratische Werte hier, sozialistische Gängelei dort. Forschungsfreiheit bei uns, intellektuelle Zügelung da drüben. Das passt ins Bild, das der Westen von China zeichnet. Und liefert das Land selbst nicht die deutlichsten Belege für diese Sicht? So forderte die chinesische Regierung kürzlich, tausend wissenschaftliche Aufsätze zu sperren – solche, in denen etwa die Begriffe Taiwan, Tibet oder Kulturelle Revolution auftauchen. Der deutsche Wissenschaftsverlag SpringerNature – der, wie auch die ZEIT, zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört – kam der Forderung nach. Es handele sich nicht um eine "inhaltliche Zensur", so SpringerNature. Betroffen sei weniger als ein Prozent der Artikel. Dies sei bedauerlich, entspreche aber den "spezifischen Regularien vor Ort", um "wesentlich massivere Auswirkungen für unsere Kunden und Autoren zu vermeiden". Auch dem Verlag Cambridge University Press ließ China im Sommer eine Sperrliste mit über 300 Aufsätzen aus der Fachzeitschrift The China Quarterly zukommen. In der Wissenschaft lösten beide Fälle weltweit Entrüstung aus. Tenor: So weit reiche also der lange Arm der Chinesen! Und so schnell knicke der Westen ein und verrate seine Grundsätze!

"Wie rapide China sich gerade verändert, nimmt man im Westen nicht wahr."
Sinologe Axel Schneider

China, die Diktatur. China, der Zensurstaat. China, der Kontrolleur. So eindeutig scheinen diese Diagnosen, dass sie zum Klischee gerinnen. Dabei erlebt die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt gerade eine massive Bildungsexpansion und rüstet entschlossen auf: mehr Geld für Hochschulen, Bibliotheken, Wissensproduktion. 2015 betrugen die Bildungsausgaben nach Aussage des chinesischen Ministeriums bereits 4,26 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Seit 2005 sind die Ausgaben deutlich gestiegen, 2012 wurden erstmals die vier Prozent geknackt – und das bei zeitgleich steil steigendem BIP. Noch liegt China damit zwar unter dem OECD-Durchschnitt, aber es sind immense Summen in Stipendien- und Exzellenzprogramme geflossen. Dahinter steht ein Masterplan, der auf eine umfassende Modernisierung des Wissenschaftssystems und Arbeitsmarktes abzielt. China braucht mehr Akademiker, mehr Wissenschaftler, mehr Forschung und Patente. Und höhere Platzierungen in internationalen Hochschul-Rankings. Im Wettbewerb der großen Wissenschaftsnationen will China einen vorderen Platz einnehmen, und zwar bald.

Die Auswirkungen sind bis nach Deutschland spürbar, in ihrem Ausmaß aber noch kaum erfasst. "Wie rapide China sich gerade verändert, nimmt man im Westen nicht wahr", sagt der Göttinger Sinologe Axel Schneider. Das simplizistische Bild vom wissenschaftsfeindlichen Zensur-China verstellt den Blick für die Umwälzung der globalen Hochschullandschaft, die China systematisch vorantreibt. Quantitativ, weil chinesische Studierende und Wissenschaftler immer präsenter werden. Und qualitativ. Denn je mehr sich die internationale Forschungsgemeinschaft mit China vernetzt, desto direkter prallen politische und kulturelle Vorstellungen aufeinander, auch in Deutschland.

Die größte Hochschulnation der Welt

Die Wucht, mit der China auf den Hochschulmarkt drängt, ergibt sich zunächst durch seine schiere Größe. 2014 waren bereits 42 Millionen Chinesen eingeschrieben. Zum Vergleich: In Deutschland studieren knapp drei Millionen Menschen, europaweit sind es 20 Millionen. Die Volksrepublik ist in absoluten Zahlen damit die größte Hochschulnation der Welt, trotz hoher Studiengebühren: Ein Bachelorstudium für das Einzelkind kostet Familien im Schnitt vier Jahreseinkommen. Noch ist der wissenschaftliche Standard nicht flächendeckend hoch, aber in Peking, Shanghai, Hangzhou und Nanjing sind Spitzenuniversitäten entstanden, großzügig ausgestattet, komfortabel finanziert.

Zum wissenschaftlichen Selbstbewusstsein gehört der Austausch auf Augenhöhe. Vor allem in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern treibt China deswegen die Internationalisierung voran. Das chinesische Bildungsministerium hat vor fünf Jahren die Richtung vorgegeben: Die Zusammenarbeit mit Forschern aus aller Welt soll angekurbelt, noch mehr Studierende sollen ins Ausland geschickt werden.

Beliebteste Auslandsziele der chinesischen Studenten sind die USA, Australien, Großbritannien. Deutschland liegt auf Platz neun. 2016 waren fast 33.000 chinesische Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Sie machen mit einem Anteil von rund dreizehn Prozent die größte Gruppe der ausländischen Studierenden aus. Eine Auslandsstation macht sich in China gut im Lebenslauf; wer anschließend wieder heimkehrt, bringt all das Wissen und die Erfahrungen mit auf den heimischen Arbeitsmarkt zurück. Wissenstransfer nennt sich das in der Wissenschaft. Wie viel Horizont, wie viel Transfer aber lässt China überhaupt zu?

An der Universität Göttingen betreuen der Rechtswissenschaftler Rüdiger Krause und seine Kollegen jährlich bis zu 15 Masterstudenten aus Nanjing, die unter anderem das deutsche Arbeits- und Sozialrecht näher kennenlernen wollen. Auch für die wirksame Durchsetzung von Gesetzen interessieren sich die angehenden Juristen. "Sie schauen gezielt, was sich übertragen lässt." Etwa um Arbeitnehmer besser abzusichern, "wenn der Kapitalismus hart zuschlägt". Was aber ist mit Gewaltenteilung, mit Menschenrechten? Das thematisiere man selbstverständlich, sagt Krause. Die Chinesen nähmen es höflich zur Kenntnis.

China sei im "Korrekturmodus", sagt Nele Noesselt, Politologin an der Universität Duisburg-Essen. Das Land sammle mit wissenschaftlicher Präzision die Informationen, die es brauche. Nicht um westliche Länder nachzuahmen, sondern um einen eigenen Weg zu definieren. Noesselt untersucht seit Jahren die Debatten innerhalb des sozialistischen Einparteiensystems. "Die gibt es nämlich durchaus." China habe aus der globalen Wirtschaftskrise seine Schlüsse gezogen. Nun solle ein politisches Modell entwickelt werden, das den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts standhält, sagt Noesselt: "China will seine Entwicklungsprobleme lösen. Dafür braucht es den Kontakt zu Wissenschaftlern aus anderen Ländern."

Die politische Botschaft: Wir setzen die Regeln

Die Hoffnung des Westens war viele Jahre lang, dass mit Dialog und Annäherung auch ein Wertetransfer einhergeht. Die chinesische Führung aber folgt nicht dem Liberalisierungskurs, den westliche Industrienationen gerne sehen würden. Seit Xi Jinping 2012 Parteichef wurde, wird das Land zentralistischer regiert und ideologisiert sich wieder. In einem 2013 geleakten internen Regierungsdokument heißt es, höhere Parteimitglieder und Führungskräfte müssten wieder zwischen "wahren und falschen Theorien" unterscheiden. Die konstitutionelle Demokratie ist aus chinesischer Sicht eine von vielen falschen Theorien, genauso wie eine unabhängige Justiz und das allgemeine Wahlrecht.

An den Unis spürt man den kalten Wind deutlich. Chinesische Hochschulrektoren wurden in den letzten Monaten reihenweise zur politischen Nachschulung einberufen. Von "Gleichschaltung" spricht der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in einem Bericht: "Führungspersonal wird ausgetauscht, Angst breitet sich aus." Wer deutsche Wissenschaftler fragt, die regelmäßig in China sind, erfährt vieles über den dortigen Alltag – allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Von Lehrveranstaltungen ausländischer Dozenten, die gefilmt werden. Von Tagungen, bei denen bis zuletzt das Programm nicht genehmigt ist. Von Forschungsprojekten, die diplomatisch umformuliert werden. Warum das niemand öffentlich ausspricht? Übereinstimmend sagen die Wissenschaftler, dass sie nicht um ihre eigene Forschungsfreiheit fürchten: Dass China deutsche Wissenschaftler überwacht, ist eine Verschwörungstheorie. Ihre Sorge gelte den chinesischen Kollegen, mit denen vertrauensvolle Beziehungen entstanden seien und die man nicht in Gefahr bringen wolle.

Der komplizierte Spagat

Die chinesischen Institute müssen sich bei Konferenzthemen und -einladungen mit der Hochschulleitung abstimmen. Die wiederum wird von Parteikadern kontrolliert. "Die Grenzen für die Geistes- und Sozialwissenschaften sind in den letzten fünf Jahren enger gezogen worden", sagt der Sinologe Schneider. Die Nervosität sei daher groß. Trotzdem hält er die übertriebene Rücksichtnahme der westlichen Forscher für falsch: "Das ist kontraproduktiv, weil man damit Stellung und Ansehen aus der Hand gibt." Zudem stünden Forscher abseits von Peking deutlich weniger unter Beobachtung.

"Dass Universitäten zwangsläufig Orte des Ideenaustauschs sind, ist der chinesischen Regierung sonnenklar", sagt Hans van Ess, Sinologe und Präsident der Max Weber Stiftung. Das Land versuche sich an einem komplizierten Spagat: inhaltliche Kontrolle bei zugleich zunehmender akademischer Öffnung – nicht nur auf dem eigenen Terrain. Das Vorantreiben strategischer Partnerschaften wirke regelrecht "aggressiv", wie es eine Expertin einer deutschen Förderorganisation sagt, die nicht namentlich zitiert werden möchte.

Man spielt mit den Muskeln, auch gegenüber deutschen Wissenschaftsorganisationen in China. Das haben die Max Weber Stiftung, die weltweit geisteswissenschaftliche Forschungsinstitute unterhält, und der DAAD gerade zu spüren bekommen. Obwohl beide Organisationen fast vollständig aus öffentlichen Mitteln finanziert sind, fallen sie in China neuerdings unter ein verschärftes NGO-Gesetz. Sie müssen nun eine Akkreditierung beantragen, um vor Ort tätig werden zu dürfen. Das ist nicht nur kompliziert, sondern beinhaltet auch eine klare politische Botschaft. Sie lautet: Wir setzen die Regeln.

Deutschland ist vorbereitet

Das Selbstbewusstsein Chinas in der Gestaltung bilateraler Forschungsprojekte sei spürbar gewachsen, berichtet Ingrid Krüßmann von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). In diesem Jahr fand erstmals eine gemeinsame Ausschreibung der DFG mit der chinesischen Partnerorganisation NSFC statt. Knapp 600 Anträge wurden eingereicht. "Keine andere internationale Ausschreibung hatte so viel Rücklauf." Ein Beleg für das große Kooperationsinteresse – an einer breit gefächerten wissenschaftlichen Zusammenarbeit haben beide Länder enormes Interesse.

Wie strategisch und gezielt China dabei vorgeht, trifft Deutschland jedoch einigermaßen unvorbereitet. Eine Folge jahrzehntelangen, wissenschaftlichen Desinteresses aufseiten der deutschen Wissenschaft. In diese Leerstelle preschen nun die Chinesen selbst vor. Ihre Konfuzius-Institute bieten, ähnlich den weltweiten Goethe-Instituten, Sprachkurse und Kulturangebote an. Anders als die Goethe-Institute sind sie jedoch an deutsche Universitäten angedockt und damit strategisch gut platziert – in maximaler Näher zu den Hochschulen, die Partner und Konkurrenten zugleich sind. China, das sich vom Westen chronisch missverstanden und zu wenig wertgeschätzt fühlt, will im Ausland das eigene Bild mitgestalten.

Die Soft-Power-Politik hat viele Bausteine. Dazu gehört auch: Dozentenstellen oder sogar Stiftungsprofessuren finanzieren. In Australien und den USA gibt es dafür bereits Beispiele – die aber derzeit immer kritischer diskutiert werden. Das großzügige Angebot aus China nämlich fällt dort auf fruchtbaren Boden, wo Institute empfindlich beschnitten oder kaputtgespart werden. Anders gesagt: Wo der Westen die Freiheit von Forschung und Lehre theoretisch zwar immer noch betont, aber praktisch nicht mehr finanziert.