Am Tag zwei nach dem großen Knall versucht Christian Lindner der Detonation zu widerstehen, die er selbst ausgelöst hat. Nein, sagt er im Gespräch, er werde weder Angela Merkel beschimpfen noch die Grünen. Nein, in einem neuen Wahlkampf werde es keine wesentlichen Änderungen am Programm geben, geschweige denn eine verschärfte Tonalität. Und nein, er habe keine Strategie für einen bedeutenden Stimmenzuwachs seiner Partei; wenn man es recht versteht, dann strebt er etwas so Profanes nicht einmal an.

Christian Lindner geht es, will man ihm glauben, um etwas anderes. Um die Glaubwürdigkeit seiner Partei, die in ihrer Geschichte schon so oft umgefallen ist, dass es eines gewaltigen Standhaltens bei Novemberkälte und Gesichtsblässe bedurfte, um diesen Eindruck ein für alle Mal zu tilgen. Und es dreht sich um die nachhaltige Bewirtschaftung seiner eigenen politischen Biografie. Schließlich will Lindner noch dreißig Jahre Politik machen können, da dürfe er sich nicht für ein bisschen verfrühte Macht verbrennen, so seine eigene Wahrnehmung.

Spätestens an dieser Stelle, bei dieser Idee eines 30-Jahres-Plans, beginnt man sich zu fragen: Wie stark und verführerisch müssen die Kräfte sein, die auf ihn wirken, wenn er sich so fest bindet?

Um es vorwegzunehmen: Diese Kräfte sind so stark, dass sie sogar das vielleicht größte politische Talent seiner Generation überfordern, den Mann, der mit seiner eigenen Hände Arbeit eine Partei gerettet und triumphal wieder in den Bundestag zurückgebracht hat. Zumal Lindner auch eine Schwäche hat, die sich nicht zuletzt in den Sondierungen zeigte: Er ist klug, schnell und schlagfertig, aber nicht allzu geduldig. Wenn es zu komplex wird, dann möchte er den Knoten durchschlagen – und erreicht damit oft das Gegenteil. Zum Beispiel hat Christian Lindner die Frau, deren Abstieg er zu Beginn der Sondierungen mit provozierender Beiläufigkeit prognostiziert hatte, mit seinem Abgang maximal stabilisiert. Alles Mögliche kann in den kommenden Wochen und Monaten passieren, von einer Minderheitsregierung bis zu Neuwahlen, doch eines bleibt vorerst unverrückbar: die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, die Vorsitzende der CDU, die Spitzenkandidatin der Union und die neue beste Freundin der Grünen – Angela Merkel. Kann er das gewollt haben?

Wer Lindner verstehen will, der sollte nicht sogleich psychologische und moralische Erklärungen suchen oder persönlich werden und sich stattdessen zunächst jene Kräfte vor Augen führen, die auf ihn wirken – nebst all den Verführungen, denen er ausgesetzt ist.

Da ist zum einen der unkartierte Raum, den die Union unter Merkel rechts von sich selbst frei gelassen hat und auch in Zukunft frei lassen wird, der aber von einer AfD mit ihren Ressentiments und Nazi-Problemen niemals erobert werden kann. Da ist zum anderen der aufgestaute Überdruss an der Kanzlerin, der sich eben nicht allein bei sehr rechten Wählern findet, sondern auch bei einer jüngeren oder sich jung gebenden Mittelschicht und der jetzt neue Nahrung finden wird, weil Merkel noch in der Niederlage stärker zu werden scheint. Die Jugend ist forsch, aber das Alter ist clever.

Auch in Deutschland steigt die Nachfrage nach etwas mehr Strammheit und Feschheit

Es ist zum Die-Wände-Hochgehen. Besonders wenn man bedenkt, dass gerade überall in Europa, ja im ganzen Westen die Parteienlandschaften beben, während in Deutschland nur der Boden etwas zittert, weil die AfD ihn betritt. Mit Blick auf die internationale Lage darf man vermuten, dass auch in Deutschland die Nachfrage nach etwas mehr Strammheit und Feschheit größer ist als das parteipolitische Angebot, manch einer hat das Gefühl, die letzte Bundestagswahl war nur der halbe Bruch, die nächste könnte noch mehr umstürzen.

Christian Lindner hat im vergangenen Wahlkampf vieles schon einmal ausprobiert, wenngleich vernunftgebremst und detailgehemmt. Drei Geschenke und vier Zumutungen prägten seine Botschaft an den Jetzt-bin-ich-mal-dran-Wähler: Beste Bildung, bestes Glasfaserkabel und eine schöne Steuersenkung sollte er bekommen. Die Zumutungen richteten sich selbstredend nicht an den potenziellen FDP-Wähler, sondern an alle anderen. Die Flüchtlinge sollten härter behandelt werden, Integration sei eine reine "Bringschuld" der armen Teufel aus Arabien; die EU dürfe nicht zu einem von Deutschen finanzierten Zuschussbetrieb werden, selbst dann nicht, wenn die Griechen in Zukunft Franzosen heißen sollten; mit der Klimapolitik solle man es bitte nicht übertreiben, keine ideologische deutsche Vorreiterrolle mehr und keine hohen Kosten; schließlich Russland, da müsse man endlich mit ein paar Zugeständnissen etwa bei der Krim weg von den wirtschaftsschädlichen Sanktionen.

Christian Lindner - Wie verhindern Sie, dass Sie sich in sich selbst verlieben? FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner will mit seiner Partei wieder in den Bundestag einziehen. Im Video spricht er über Eitelkeit und Umgang mit Kritik. © Foto: Jan Lüthje