Wie dumm wäre es, die Documenta ein für alle Mal aufzugeben, nur weil sie in diesem Sommer reichlich vermurkst ausfiel und außerdem ein Loch von 5,4 Millionen Euro hinterließ. Noch dümmer wäre es indes, die Documenta für ewig unantastbar zu halten, als wäre ihre Wiederkehr alle fünf Jahre ein Naturgesetz. Kassels Imageberater müssen es natürlich so sehen, auch für Hoteliers, Gastwirte, ja die ganze Stadt ist die Großausstellung eine geldwerte Marke. Deshalb wurde letzte Woche auch rasch bekannt gegeben, allem Krisengerede zum Trotz werde die nächste Ausgabe, die D15, ganz gewiss pünktlich beginnen, genau am 18. Juni 2022.

Warum diese Zwanghaftigkeit? Gehört es nicht zur guten Tradition der Documenta, alles infrage zu stellen und also auch sich selbst? Es muss sich etwas ändern, das steht allen Beteiligten vor Augen, auch wenn niemand offen darüber sprechen mag.

Vor allem droht die Documenta am eigenen Erfolg zu ersticken. Sie wächst, sie wuchert: Jedes Mal müssen es mehr Künstler sein, mehr Ausstellungshäuser (zuletzt 80 in Kassel und Athen!), mehr Ticketverkäufe, mehr Diskussionen, Filmabende, Führungen. Gläubig gehorcht die Documenta jener Ideologie, die sie zugleich, gut antikapitalistisch, mit Verve zu attackieren pflegt. Entsprechend priesen auch die Kuratoren der gerade abgelaufenen D14 ihre Documenta als "meistbesuchte Ausstellung zeitgenössischer Kunst aller Zeiten" – um fast im selben Atemzug das "ausbeuterische Modell" anzuprangern, dem sich ihr Rekordeifer verdankt.

Solche Selbstwidersprüche ließen sich milde ignorieren, wären sie nicht das Echo, das herausschallt aus einer tiefen Sinnleere: Die Documenta streitet über Geld, weil sie nicht mehr weiß, wozu es sie gibt. Alles soll noch kunsttoller, noch ticketträchtiger werden, ohne dass irgendwer sagen könnte, warum.

Als es losging, 1955, war die Sinnfrage rasch beantwortet. Man huldigte erstens frohgemut dem Fortschritt und verfolgte zweitens einen staatlich-erzieherischen Kulturauftrag. Auf der Documenta sollte sich jeder einen Überblick verschaffen können und tief eintauchen in eine bis dahin ungewohnte Weltläufigkeit. Ein Lernort sollte Kassel werden, für den Einzelnen, vor allem aber für die nach der NS-Zeit belehrungsbedürftige Nation.

Heute hat sich der Fortschrittsglaube, sollte man meinen, stark relativiert, und selbst jene, die noch immer an Wachstum glauben, glauben nicht ernsthaft, auch die Kunst müsse diesem Innovationsdenken folgen und sich alle fünf Jahre runderneuern. Zugleich ist auch das missionarische Denken aus der Mode gekommen, und selbst für jene, die weiterhin meinen, dass die Kunst dem Menschen aufhelfen und ihn zu ungeahnten Horizonten führen solle, ist ja überdeutlich, dass dafür eine Großausstellung wie die Documenta ebenso überflüssig wie ungeeignet ist.

Zum einen kann sich heute ein jeder jederzeit einen Überblick verschaffen, das Internet ist eine Art Dauerdocumenta. Zum anderen ist die Zahl der Museen und Ausstellungen in den letzten beiden Jahrzehnten kräftig angestiegen, es gibt jede Menge Lernorte wie den in Kassel. Und diese sind in der Regel weit besser geeignet, sich auf die Kunst einzulassen. Hier, im bescheideneren Rahmen, lässt sich das Einzelwerk eines Künstlers en détail studieren, hier gibt es die nötige Ruhe und Zeit, um sich dem zu widmen, was man die ästhetische Erfahrung nennt. Die Documenta ist, so gesehen, überflüssig.

Kein Kurator, der diese Überflüssigkeit nicht spürte. Keiner, der nicht versuchen würde, ihr mit viel Weltbedeutungszauber zu entkommen. Und weil dafür allein die Kunst nicht ausreicht, wird die Documenta selbst zu ihrem wichtigsten Exponat erkoren, und der Kurator steigt auf zum Oberkünstler. Vor fünf Jahren stellte Carolyn Christov-Bakargiev ins Zentrum der Schau ihr Brain, lauter Fundstücke, die ihr Denken illustrieren sollten. In diesem Jahr bestand Adam Szymczyk darauf, die Documenta zu verdoppeln, also die denkbar größte Großperformance ins Werk zu setzen, mit dem Ergebnis, dass die gezeigte Kunst dagegen mickrig ausfallen musste.

So antworten die Kuratoren auf die Sinnkrise mit Selbstbezogenheit. Und ob die Besucher etwas davon haben, ob sie am Ende mehr spüren als Verwirrung, Ratlosigkeit und Erschöpfung, mag keiner mehr fragen.

Was daraus folgt? Besser keine Documenta als eine falsche? Jedenfalls ist es hoffnungslos naiv, nun eilig die nächste Findungskommission einzuberufen, in der Hoffnung, irgendein Kurator werde schon ein nie vernommenes Konzept ersinnen und so die Documenta auf neue Sinnhöhen führen.

Kassel hätte jetzt die Chance, sich zu besinnen. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, allemal genug, um intensiv zu beraten: wie die Documenta wohl ihren Zwängen entkommen könnte. Ob sie schrumpfen müsste. Ihren Weltgeltungsanspruch aufgeben sollte. Ob es nicht an der Zeit wäre, der Kuratorenherrlichkeit endlich ein Ende zu setzen und nicht Konzepte, sondern die Kunst wieder ins Zentrum zu rücken. Will die Documenta ihre eitlen Routinen überwinden, gibt es nur einen Weg: Sie muss mit dem Gedanken spielen, sich selber abzuschaffen. Nur dann wird sich zeigen, wie kostbar, wie unverzichtbar sie in Wahrheit noch ist.