Seit zwanzig Jahren reise ich nach Afghanistan. Unser Verein baut dort Schulen und unterhält Frauenzentren. Wenn ich die Projekte besuche, landen wir in Masar-i-Scharif. Der Weg in den Bezirk Andchoi, in dem viele unserer Schulen stehen, führt zum Teil durch unbewohnte Steppe. Vor zehn Jahren konnten wir hier noch frei picknicken. Bei Sonnenuntergang war das besonders schön. Heute begleiten uns Polizisten. Vor den Checkpoints verstecken meine Kollegin und ich uns unter einer Burka. Wir wollen nicht erkannt werden, weil wir nie wissen, ob die Männer, die in unsere Autos gucken, wirklich Soldaten sind. Durch das Gitternetz vor den Augen können wir alles unbemerkt beobachten. Das Reden übernehmen unsere afghanischen Mitarbeiter.

Wenn wir die abgelegenen Dörfer besuchen, drängen sich so viele Kinder um uns herum, dass uns kaum Luft zum Atmen bleibt. Hier, fernab der großen Städte, lernen nur wenige Kinder lesen und schreiben beim Mullah, einem islamischen Gelehrten. Deswegen kommen die Dorfältesten zu uns und bitten uns, eine Schule zu bauen. Es entstehen einfache Häuser aus selbst gebrannten Lehmsteinen.

In unseren Frauenzentren absolvieren jeweils 50 Frauen eine Ausbildung. Sie lernen nähen, lesen, schreiben und rechnen. Weil die Männer das gut finden, erlauben sie es. Die Frauen nutzen die Zeit, um sich frei zu bewegen und Fragen zu stellen. Über ihre Rechte. Aber auch über Empfängnisverhütung und banalere Dinge.

Bei unserem letzten Besuch haben wir den Frauen ein Fitnessstudio gebaut. Ich habe ihnen die Grundlagen des Yoga gezeigt, meine Kollegin turnte mit einem Hula-Hoop-Reifen vor ihnen herum. Sport war für sie völliges Neuland. Seitdem trainieren sie jeden Tag. Aber wir müssen auch vorsichtig sein. Einmal war die Stimmung beim Volleyballspielen so ausgelassen, dass ein Kollege kam und uns ermahnte: Seid still, gegenüber feiern die Taliban. Die sind hier im Nordwesten zwar nicht an der Macht, aber überall präsent.

Ich habe keine Angst, wenn ich in Afghanistan bin. Wir haben gute Freunde, die auf uns aufpassen und auf deren Empfehlungen wir hören. Natürlich weiß ich, dass es gefährlicher geworden ist. Ich habe es vor fünf Jahren selbst erlebt: Wir saßen wenige Hundert Meter entfernt beim Mittagessen, als sich Talibankämpfer nach dem Freitagsgebet unter Demonstranten mischten und die UN-Vertretung in Masar-i-Scharif angriffen.

Und trotzdem bin ich im Oktober wieder gerne nach Afghanistan geflogen.

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Protokoll: Luisa Thomé