Ihr Lieben!

Als Ihr auf die Welt kamt, wurde Deutschland von derselben Frau regiert, die Euch auch durch die Kindheit und ein Stück in Eure Jugend hinein begleitet hat. Wir fragten uns damals, ob dieser Umstand für Eure Entwicklung von Belang wäre, Euch gar prägen würde. Die Kontinuität erinnerte uns auf seltsam vertraute Weise an die Jahre, in denen in unseren Klassenzimmern das Porträt des immer selben Mannes gehangen hatte. Gleichzeitig wussten wir, dass dieser Vergleich nur zur Anekdote taugte. Wie alles, was unsere Vergangenheit mit Eurer Gegenwart in einen Zusammenhang stellte.

Sie war immer dabei: Die Generation Merkel kennt kein Leben ohne die Kanzlerin. © Kaiser/Plainpicture

Wir ahnten, dass wir später von dieser Zeit, Euren Kinder- und Jugendjahren, als einer sprechen würden, in der es trotz allem noch relativ ruhig gewesen war im Land. Nicht dass wir uns für Ruhesuchende hielten. Wir waren durchaus begierig auf Veränderungen. Aber es erschien lächerlich, zu glauben, es könnten Veränderungen hin zum Guten sein. Dann gab es wieder einmal Wahlen. Es stimmten nicht mehr ganz so viele Menschen für die Kanzlerin wie sonst. Danach hieß es, es ginge etwas kaputt im Land, die Zukunft sei ungewiss und die Frau in einer Krise, nach der nichts mehr so wäre wie zuvor. Angetrieben von dieser Aussicht, hielten wir Rückschau.

Ihr wuchst in einer Inselwelt heran. Ein jeder suchte seine Insel der Glückseligkeit, was nicht mehr ironisch gemeint war. Aus dem Gewebe "Gesellschaft" waren einzelne Fetzen geworden, zwischen denen man sich bewegte, mehr oder weniger gewandt. Immer häufiger hatte man die Vorstellung, das Leben gleiche einer Kugel in einem Flipperautomaten – auch deren Durchkommen hängt nicht von ihr selbst ab.

Oft lagen wir in den frühen Morgenstunden wach, zwischen vier und sechs, der Stunde der Abrechnung, der stillen Bilanz, der hochfahrenden Pläne, und waren froh, wenn einer von Euch schließlich ebenfalls erwachte, der Tag fing an, Brote mussten geschmiert, Kaffee musste gekocht werden.

In den Kinderbüchern hatten selbst die Hexen ein niedliches Gesicht

In dieser Zeit, der Zeit Eurer Kindheit, ging es schon lange nicht mehr darum, aus dem Vollen zu schöpfen. Ihr gehörtet zur ersten reinen Generation des beständigen Weglassens. Die Hinweise ohne oder frei von haben Euch von Anfang an auf strenge Art begleitet. Aus den Regalen voller Waren bekamt Ihr oft das Asketischste, Reiswaffeln. Noch bevor Ihr im Kleinkindalter eine Unterscheidung der Geschlechter traft, wusstet Ihr, ob jemand Allergiekind war oder nicht.

Allem Exzessiven, jeder Überspanntheit wurde entgegengewirkt. Überzogene Affekte galten als ungehörig, jedenfalls offiziell. Wenn Sportler bei einem Wettkampf, für den sie jahrelang trainiert hatten, verloren, antworteten sie dem Fernsehreporter, es hat nicht sollen sein, wobei sie unschuldig in die Kamera lächelten.

Gleichzeitig sehnten sich alle nach dem Außerordentlichen, dem Extremen. Jeder wollte dabei sein, wenn dem anderen ein Ausraster oder Kontrollverlust passierte. Keiner wollte derjenige sein, der sich fehlverhielt.

In Euren Kindergartengruppen war der Mittwochnachmittag für Ringen und Raufen reserviert. In der Schule habt Ihr bei den Schlichtertagen mitgemacht. Der Dialog- und Konsensgedanke war selbstverständlich für Euch. Alles konnte diskutiert und verhandelt werden. Es schien uns natürlich, unsere Absichten mit Euch zu besprechen, Eure Meinungen in unsere Pläne mit einzubeziehen. Aber wir übertrieben es nicht. Ihr wart nicht mehr Gegenstand von pädagogischen Experimenten. Wir wollten keine neuen Menschen aus Euch machen.