Erbfeinde: Die Enkel Karls des Großen

Im Anfang war der Bruderkrieg. Karl der Große hatte das Frankenreich geeint. Ihm folgte, als letzter lebender Erbe, Ludwig der Fromme auf den Thron. Dem wurden vier Söhne geboren – und das Reich versank in Zwietracht.

Es war der Ur-Erbstreit der deutsch-französischen Geschichte. 817 macht Ludwig seinen Ältesten, Lothar, zum Mit-Kaiser und künftigen Herrn über seine Brüder Ludwig und Pippin, die nur Randgebiete des Karolingerreichs erhalten. Als Nachzügler kommt 823 Karl zur Welt. Es dauert nicht lange, und der Geschwisterkampf entflammt. Schließlich schmieden, nach dem Tod des Vaters, Karl und Ludwig einen Bund gegen Kaiser Lothar und bezwingen ihn 841 blutig bei Fontenoy. Da habe sich, klagen die Zeitgenossen, "der Hölle Schlund" geöffnet: Bruder gegen Bruder!

Man einigt sich ein Jahr später in Verdun – welch Ironie der Geschichte – und teilt recht brüderlich. Karl, "der Kahle", herrscht fortan westlich von Schelde und Maas, Saône und Rhône, Kaiser Lothar regiert einen Streifen, der von Rom bis Nordfriesland reicht, den Osten bekommt Ludwig, später als "der Deutsche" verklärt.

Er und seine Nachfahren teilen das Land in immer winzigere Fürstentümer auf – der Keim deutscher "Kleinstaaterei". In Karls Westreich dagegen führt man später die Primogenitur ein; der Erstgeborene erbt alles – das Fundament des französischen Zentralstaats. Von Lothars Ländern bleibt über die Jahrhunderte nur ein Ländchen: Lothringen. Deutsche und Franzosen werden sich noch tödlich darüber befehden. Bruder gegen Bruder.

Von Christian Staas

Ruhm und Ketten: Christoph und Bartolomeo Kolumbus

Viele Jahre lang zeichnet Bartolomeo Seekarten für die Portugiesen, die Franzosen und die Engländer. Das Geschäft läuft gut, die Welt ist im Aufbruch. Eine Zeit lang beschäftigt Bartolomeo sogar seinen älteren Bruder: Christoph. Der hat sich in den Kopf gesetzt, den Seeweg nach Indien zu finden – durch eine Fahrt nach Westen.

Für viele klingt das um 1490 so absurd wie eine Mondlandung. Jahrelang klappern Bartolomeo und Christoph erfolglos die Königshäuser des Kontinents ab. Heinrich VII. in England und Karl VIII. in Frankreich winken ab. Portugal hat eigene Schiffe in den Docks. Spanien bringt gerade die Reconquista, die Vertreibung der Muslime von der Iberischen Halbinsel, zum Abschluss, und alle Mittel sind gebunden. Andererseits: Sollte man den Portugiesen den Vortritt lassen auf dem Weg nach Indien? Also finanziert die spanische Krone eine Expedition.

Christoph und Bartolomeo bleiben in allen Welten unzertrennlich. In der Neuen avanciert Bartolomeo rasch zum Adelantado, zum Stellvertreter des nunmehrigen Vizekönigs Christoph auf der Insel Hispaniola. Gemeinsam entdecken die Brüder neue Gestade. Gemeinsam massakrieren und versklaven sie die indigene Bevölkerung. Gemeinsam werden sie abgesetzt, nachdem unzufriedene Siedler in Spanien erfolgreich gegen ihre Amtsführung protestiert haben.

Es bleibt eine Karte, gezeichnet von Bartolomeo. Sie zeigt die von ihm gegründete Siedlung Santo Domingo, heute Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Hier hatten die Brüder ihren Gouverneurssitz. Von hier wurden sie 1500 in Ketten abgeführt. Und hier lagen sie nebeneinander begraben – bis man Christoph Kolumbus’ Gebeine 1898 zurück nach Spanien holte.

Von Alexander Bätz

Wunderkinder: Wolfgang Amadeus und "Nannerl"

Viereinhalb ist Maria Anna, als 1756 ihr Bruder zur Welt kommt. Bald lernt die Hochbegabte vom Vater das Klavierspiel. Ihr kleiner Bruder lauscht der Siebenjährigen fasziniert und greift sich Töne aus ihrem Notenbuch zurecht. Ergriffen schreibt Vater Leopold ins Heft: "Diesen Menuet hat d. Wolfgangerl auch im Vierten Jahr seines alters gelernet."

Bald spielen beide Geschwister vor Fürsten und Königen, teilen sich aber auch, wie später die Brontës, selbst ein Fantasiekönigreich. Einander zugetan sind sie sich in tiefer Liebe: "Und dir, schicke ich hundert busserln oder schmazerl auf dain wunderbarres pferdengesicht", schreibt der vierzehnjährige Mozart aus Mailand, bereits Opernkomponist.

Da ist Nannerls Kinderkarriere schon vorbei. Konzertpianistinnen wie Maria Theresia von Paradis sind zu der Zeit einsame Ausnahmen, professionelle Komponistinnen undenkbar. Die große Schwester verkümmert zur Klavierlehrerin in Salzburg, der Kontakt versandet, und als ihr berühmter Bruder mit 35 Jahren stirbt, behauptet sie, nicht einmal zu wissen, "wer seine Frau war". Aus einer Märchenkindheit ist das Drama einer Talentierten geworden, die in dreifachem Schatten verwelkte – der gesellschaftlichen Geringschätzung von Frauen, einer lieblosen Ehe und dem Ruhm von Vaters Liebling, dem sie noch als 26-Jährige geschrieben hatte: "Und dir du flegel! Und spitzbub du! gib ich einen saftigen Kuß."

Von Volker Hagedorn

Die nach den Sternen griffen: Wilhelm und Caroline Herschel

Wilhelm Herschel, geboren 1738, ist Komponist und Hobby-Astronom im englischen Bath. Bei Besuchen in der Heimatstadt Hannover spürt er, wie unglücklich seine zwölf Jahre jüngere Schwester Caroline ist, die sich daheim um die Mutter kümmert. Doch nicht nur sticken und stricken will die Lernbegierige, kein "ungehobelter Klotz" bleiben. Und so bezahlt Wilhelm, ihr ältester Bruder, der verwitweten Mutter eine Magd, damit die 22-Jährige ihm endlich nachreisen darf.